„Sportlich“ ist das falsche Wort

Als junger Mensch versucht man seinen Platz in der Welt zu finden, seine Rolle, sein Ich, sein charakterliches aber auch körperliches Selbstbild. Und selbst später, Jahre nachdem dieser Findungsprozess, den wir Pubertät nennen, abgeschlossen ist, stehen wir immer wieder vor der Frage, was und wer wir sind und was und wer wir sein wollen, stehen zwischen all dem, was wir sein könnten, was wir sein „sollten“ und können doch nicht sagen, was es denn ist, das wir wollen.

Wir wissen aber, was wir nicht wollen. Dick sein. Unsportlich sein. Diejenige oder derjenige sein, der es nicht kann. Was das dann auch immer gerade ist.

Während das charakterliche Ich in Zukunft noch oft eine Rolle auf diesem Blog spielen wird, möchte ich mich dieses einemal den körpebezogenen Zielen und Ideen widmen. Sie spielen einen ständigen Part in unserem Leben und unserer Gesellschaft, viele Theorien und Ideale schwirren durch den Raum.

„Sei skinny!?“

Es gab eine Zeit, da wollte ich glauben, man müsste „skinny“ sein, zumindest als Frau. Wenn man dazugehören wollte, die Normideale vertreten wollte, sowohl in Ansicht als auch in Realform. Sport war eher uncool. So habe ich es von Freunden vorgelebt bekommen und wenn man dazu gehören will, versucht man, sich solche Meinungen zu eigen zu machen. Gleich vorweg, in diesem Punkt bin ich grandios gescheitert. Zwar war ich trotz meiner nach außen dargestellten Gleichgültigkeit nie gefeit vor den Unsicherheiten des Alters und des Geschlechts. Aber so sehr ich angepasst sein wollte, skinny zu sein, habe ich für mich nicht als erstrebenswert erkennen können. Warum sollte es das Ziel sein, spindeldürr zu sein, nur Haut an sich zu haben? Abgesehen davon, dass ich darin keine Ästhetik finden kann und konnte, ist es ein Extrem, das zu erreichen für den Großteil der Menschheit nicht möglich ist, nicht ohne auch extreme Maßnahmen anzuwenden. So stand ich mit meinem Unverständis vor diesem Ideal, das doch das einzige war, das ich aus meiner Umgebung kannte. Sieht man von den „wir sind alternativ und machen eh alles anders“-Bekannten meiner Eltern ab, die ich, in dem Alter in dem ich war, nicht für relevant oder ernstzunehmend hielt.

„Sei sportlich!?“

Jahre später, nachdem ich angefangen hatte Sport zu machen, regelmäßig ins Training oder zum Laufen zu gehen, entwickelte sich eine neue Vorstellung. Sportlich musste man sein. Das wäre ein gutes, ein richtiges Ziel. Nicht extrem sondern holistisch. Nicht allein auf das Äußerliche bezogen, sondern auf die Gesundheit des Körpers.

An sich, würde ich dem weiter zu stimmen. ABER! Was soll dieses Wort eigentlich aussagen? Eine Ballerina ist sportlich, genauso wie ein Diskuswerfer. Sie könnten aber kaum unterschiedlicher aussehen. Läufer, Fahrradfahrer, Tänzer, Basketballer, Fußballer, Fechter… Sie alle verkörpern unterschiedliche Arten von „sportlich“. Und ab wann ist man „sportlich“? Wenn man regelmäßig trainiert (was ist regelmäßig)? Wenn man 2-3 die Woche trainiert? Mit welcher Intensität? Erst wenn man Leistungssportler ist?

Für viele Menschen drückt sportlich auch einen Zwang aus, dieses hässliche „du MUSST dich mehr bewegen, SONST wirst du DICK“. Oder es ist ein negativ konnotierter Begriff für diese furchtbar Überambitionierten, die immer alles perfekt machen, noch vor Sonnenaufgang aufstehen um Laufen zu gehen, immer Grüntee und gefühlte 5000l Wasser trinken und immer alles zu erreichen scheinen, was sie wollen.

„Sportlich“ ist also das falsche Wort, oder besser: Es ist kein ausreichendes Wort. Es kann alles sein. Es ist höchstens ein Überbegriff, den jeder mit seiner eigenen positiven Bedeutung füllen muss. Ich sehe es so…

Das „Ziel“ mal anders definiert:

  1. Es ist kein Ziel, sondern ein Lebensentwurf. Es geht nicht darum irgendwo anzukommen sondern immer wieder zu kommen. Nicht ein Ende vor Augen zu haben sondern einen Weg, keinen Zustand sondern eine Entwicklung.
  2. Bewegungs-Freiheit entwickeln. Was so selbstverständlich klingt, ist es gar nicht. Wie eingeschränkt sind wir denn oft in unseren eigenen Körpern, unfähig eine bestimmte Bewegung auszuführen weil uns die Kraft oder die Mobilität fehlen? Dabei ist dieses Gefühl, seinen Körper in Positionen zu bringen, die er zuvor nicht ausführen hat können, ein unglaublich befreiendes. Zu spüren, dass man in seinem Körper frei ist, nicht eingeschränkt, sich bewegen kann wohin und wie man will, Fortschritt zu sehen, Kraft zu entwickeln, die Muskeln bei ihrem Spiel und ihrer Arbeit sehen zu können, das ist pure Freude am menschlichen Körper und seinen vielen Möglichkeiten.
  3. Die eigenen Möglichkeiten entdecken, Grenzen finden und überwinden, sich selbst finden und verlieren.

Die Ent-Fesselung des eigenen Körpers, das Sprengen der eingeschränkten Beweglichkeit führt natürlicherweise auch zu einer Befreiung des Denkens. So fügt sich alles wieder zu einem Ganzen, weil unsere Bestandteile untrennbar miteinander zusammenhängen, Körper und Geist und deren Ausdruck in der realen Welt.

Auf diese Weise wird das Äußerliche doch nur noch zweitrangig. Oder nein, das ist falsch ausgedrückt. Es ist ein gleichwertiger Teil von uns. Aber aus der Priorität ist eine nicht unrelevante Begleiterscheinung geworden, kein singulär zu betrachtendes „Problem“ sondern ein Teil des ganzen Projektes des Namens „Mensch“ oder „Selbst“.

2 Gedanken zu “„Sportlich“ ist das falsche Wort

  1. Hey Ayla,
    super Artike. Danke, dass du deine Gedanken nun auch hier mit uns teilst. Ich finde, dass die sportliche Entwicklung wichtig ist, damit wir uns lange Zeit daran freuen und begeistern. Dazu zählt für mich auch regelmäßig zu prüfen was mir gut tut. Was sich in einem Lebensabschnitt gut anfühlt kann im nächsten schon “zu belastend” oder einfach nicht mehr passend sein. Zum Glück gibt es nahezu unendlich verschiedene Sportarten, sodass wir uns jederzeit neu inspirieren lassen können. Das bereits gelernte und verinnerlichte, kommt uns dann auch in anderen Sportarten zu gute 🙂
    Viele Grüße aus Portugal
    Marius

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    • Jayyy Marius 🙂
      Du hast Recht, unser Sport muss zu uns und unserer jeweiligen (Lebens-) Situation passen. Er ist für uns und nicht wir für ihn. Die Erfahrung und die Erkenntnisse, die wir auch und besonders über unseren eigenen Körper sammeln, begleiten uns zu jedem neuen sportlichen Unterfangen. So ist jeder Neuanfang in gewisser Weise auch einfach ein Fortsetzen des bisherigen Weges.
      Viele Grüße aus Deutschland, genieß Portugal 🙂

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