Zwischen Abscheu und Sehnsucht – mein Abschied von der Frankfurter Buchmesse

Kindheitserinnerungen

Meine frühesten Erinnerungen an die Frankfurter Buchmesse reichen zurück in die Grundschule. Meine Schwester und ich wurden von der Schule freigestellt, damit wir unsere Eltern, die mit ihrem Verlag als Aussteller dort waren, begleiten konnten. Ich weiß noch, dass wir als Ausgleich für die verpasste Schulzeit über unsere Erfahrungen einen kleinen Bericht – sprich 5 – 10 krakelige, ungelenke Sätze – schreiben sollten. In meiner Erinnerung waren auch einige meiner Mitschüler mal mit auf der Messe; ein Ausflug mit der Schülerzeitungs-AG.

Zur Messe sind meine Schwester und ich immer überall unterwegs gewesen. Zumindest, was wir für „überall“ hielten. Hauptsächlich hieß das Halle 3.0, unsere Halle. Die Halle, in der unser Stand war. Und noch viel wichtiger: die Halle, in der alle für uns relevanten Verlage waren. Am Anfang Coppenrath, Ravensburger, Tessloff, Oetinger und Arena. Später dann Blanvalet, Heyne, Reclam, Piper und viele andere. Entweder wir saßen stundenlang zu Fuße der ausgestellten Bücher und lasen, eines von ihnen nach dem anderen. Oder wir streiften durch die Gänge auf der Suche nach Geschenken, Gratisproben, Lesezeichen und allem, was man so mitnehmen durfte, einschließlich tonnenweise Kataloge der Neuerscheinungen und Backlist-Titel. Taschenweise haben wir die Schätze in eine ruhige Ecke (an den Stand durften wir nicht dauerhaft, da waren wichtige Erwachsenen-Termine) – meist in einer Zwischenetage – und nach Hause geschleppt, durchgeschaut und in jedem Katalog fleißig Kreuzchen gesetzt, welche Bücher wir uns zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschten.

Voller Vorfreude haben wir dann die zahllosen Wünsche zu unseren Eltern gebracht, damit sie alles bestellen würden können. Der Lieblingssatz meiner Mutter darauf war: „Eine Wunschliste ist keine Bestellliste!“ Sah ich anders.

Trotz ihrer Worte haben wir immer haufenweise Bücher bekommen, deutlich mehr als die meisten Kinder und Jugendlichen. So haben wir bereits eine ansehnliche kleine Bibliothek gesammelt, die Liebe zu Büchern und darüber hinaus eine große Leidenschaft und Liebe für die Frankfurter Buchmesse entwickelt – dieses mysteriöse Phänomen, diese Welt voller Geschichten.

Ein jährliches Gefühl

Jedes Jahr ist sie wieder da, diese Vorfreude, die erwartungsvolle Spannung. Wie vor Weihnachten. Es ist tatsächlich ähnlich, wenn nicht gar gleich. Das Aufstehen in der Dunkelheit. Die Kälte und Nässe, die einen schnell nach Drinnen huschen lassen. Die Zauberhaftigkeit, in schwarzer Nacht das Haus zu verlassen, in die Dämmerung zu fahren und bei Tageslicht im Paradies anzukommen. Naja, vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber dennoch, bis zu diesem Jahr bin ich immer wieder aufs Neue das Kind voller freudiger Erwartung.

Ein letztes Mal

Die diesjährige Buchmesse wird voraussichtlich vorerst die letzte gewesen sein, bei der ich „wirklich“ dabei war, mittendrin, jeden Tag aufs Neue, dazugehörig nicht nur besuchend. Ständig steigende Standgelder, der Wegfall der Teilnahme unserer Partnerverlage und ein Wandel… von was eigentlich? Ein Wandel des Klientels und der Ausrichtung möchte ich fast sagen. Es ist nur noch bedingt eine Platform für die Kommunikation der Branchenbeteiligten untereinander. Viele Verlage nehmen nicht einmal mehr Buchhändlerbestellungen auf der Messe an oder haben gar keine Bestellscheine mehr dabei. Auf der Buchmesse!!!

Stattdessen gibt es überall Bonbons oder Kekse, manchmal auch Äpfel. Hier ein Glücksrad, da eine Fotoaktion, Leseproben en masse, Lesezeichen um den ganzen Hallenboden zu bedecken, Anstecker, Button und natürlich das Etwas, das inzwischen zum eigentlichen Gegenstand der Begierde geworden ist: Taschen. Viele der Verlage verteilen Taschen mit ihren Katalogen und kleinen Giveaways. Es gibt fast so etwas wie einen stillschweigenden Wettbewerb, wer die schönsten und die meisten Taschen ergattert.

Wer jetzt glaubt, das macht doch niemand, ist ja viel zu viel zu schleppen, unterstellt diesen Menschen entweder Dummheit oder hat selbst kein ausgeprägtes Sammlergen. Diese Taschen werden im Allgemeinen nicht getragen. Wozu denn? Ein Großteil der Besucher kommt von vornherein mit Rollkoffern, alle in variierenden Größen von „das könnte tatsächlich ein Business-Köfferchen sein“ bis hin zu „auf welche Weltreise willst du denn damit gehen“. In diesen fahrbaren Boxen findet alles mehr oder weniger säuberlich verstaut seinen Platz.

Jedenfalls haben besagte  Gründe zu der Entscheidung geführt, im nächsten Jahr nicht mehr teilzunehmen.

Von Abscheu übermannt

Ich ertappe mich, wie ich beim Anblick dieser „Gratis-Heischerei“ und des bloßen Abstauben-wollens Ekel und Abscheu empfinde. Vielleicht sollte ich nicht so harsch urteilen, bin ich doch als Kind selbst die Hälfte der Zeit fleißig sammeln gegangen und habe mich gefreut, wenn es etwas kostenlos gab. Aber – und das ist das, was ich dieses Jahr nur noch wenig gesehen habe – die andere Hälfte der Zeit, wenn nicht mehr, saß ich bzw. saßen wir bei irgendeinem Verlag und haben gelesen. Gelesen und noch mehr gelesen. In einer Woche kann man eine ganze Menge Bücher verschlingen, wenn man es darauf anlegt.

In der Zeit, in der Ravensburger mein Lieblingsverlag war, habe ich dort so viel Zeit zugebracht, dass ich mir am Ende der Messe immer Bücher als Geschenke aussuchen durfte und zwischendrin mit Getränken versorgt wurde, weil eine Dame, die dort arbeitete, es so toll fand, dass ein Kind den ganzen Tag da sitzt und liest. War sicherlich auch werbetechnisch interessant, bei all den Medienvertretern, die da rumschwirren, aber soweit habe ich damals nicht gedacht und es wäre mir auch egal gewesen.

Dieses Jahr hat kaum einer gelesen. Mag daran liegen, dass ich nur am Sonntag da war. Dann, wenn die Verlage auch verkaufen dürfen und das große Chaos ausbricht. Dann wenn nur noch der spitzeste Ellbogen und der größte Rollkoffer zählen. Dann, wenn man ständig angerempelt wird, weil man im Weg stand zum nächsten Goodie. Dann, wenn es keine Luft mehr zum Atmen gibt, weil sich alles auf den Gängen tummelt. Dann, wenn es keine Liebe zu Büchern mehr gibt, kein er-lesen der Welt, kein Innehalten zum Versinken in der Geschichte. Dann, wenn die Deutsche Cosplay Meisterschaft ist und man sich vor Verkleideten mit selbstgebastelten Schwertern, Sensen, ausladenden Gewändern und sonstigem in Acht nehmen muss.

Hier ein Wort am Rande: Diese raumeinnehmenden Gewänder sind zwar bisweilen ein Hindernis und auch Ärgernis, wenn man versucht, durch das Getümmel zu kommen. Viele der aufwendigsten sind aber von den Trägern selbst in Handarbeit genäht worden. Einzelstücke, die in liebevoller Hingabe und unter großem Zeiteinsatz gefertigt wurden.

Meine Versöhnung und mein Abschied

Und da ist sie wieder zurück: Die Leidenschaft für Geschichten. Eine so große Liebe, dass man Teil von Ihnen sein, sie verkörpern möchte. In Retrospektive ist das etwas, dass mich positiver stimmt in meinem Blick auf Menschen und ihre Buch-/Geschichtenrezeption.

In all der Abneigung ob des billigsten Konsumdranges habe ich das offensichtlichste Gegenmittel übersehen: sich selbst herausnehmen.

Zwischendurch war ich so genervt, dass ich mich nur noch in den Stand setzen und keinen Meter mehr raus in die Meute wagen wollte. Doch dann stolperte ich über ein Buch, dass ich mir zuvor schon angesehen hatte, aber nicht sicher war, ob ich es kaufen wollte. Also tat ich, was alle auf einer Buchmesse tun sollten: ich las. Kapitel um Kapitel und als ich wieder aufblickte, hatte ich nicht nur entschieden, das Buch mitzunehmen sondern auch meine Ruhe wiedergefunden.

Lasst sie hetzen und rennen und abstauben und einsammeln, für den der möchte, ist die Frankfurter Buchmesse auch weiterhin ein Hort der Lesefreude, eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort.

Um 17:55 Uhr laufen wir, mein Vater, meine Mutter und ich, vollbepackt mit allem, was unsere Standeinrichtung war und den Schätzen, die jeder von uns erworben hat, gen Ausgang. Ein letzter Blick auf den Teppich der Gänge, die großen Stände, die man nach der Glastüre noch sehen kann, das leuchtende Gelb des Dudenstandes und die bedruckten Wände von Leo Lausemaus. Hinaus durch die nächste Glastüre, raus in die Kälte und weiter zum Lastenaufzug, hoch in den dritten Stock, alles in den Kombi stapeln und per Tetris-Technik unterbringen und dann sitzen wir schon und fahren. Fahren, hinaus aus dem Parkhaus, über den Kreisel, hinein in den Stadtverkehr.

Das wars. Ganz unpathetisch, unaufgeregt, einfach so.

Tschüss Buchmesse, ich hoffe, wir sehen uns einmal wieder.

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