Geschenke sind Müll

Ein Nachtrag zur Buchmesse

Die Rückmeldung eines Leser (Danke dafür 🙂 ), dass er das gleiche, wie von mir letzte Woche beschriebene, Sammler-Phänomen auf einer Jobmesse für Studenten beobachtet habe, hat in mir einen weiterführenden bis dahin noch nicht beleuchteten Gedanken geweckt. Wie so viele Probleme (Oder ist das ein Problem? Zumindest eine Unannehmlichkeit. Wobei die Wortbedeutung von Nicht-annehmbar heute fast nicht mehr mitklingt, in diesem Zusammenhang aber zu betrachten wäre.), ist es ein hausgemachtes. Wir haben uns zu dem gemacht. Mit „wir“ meine ich nicht, die Individuen haben sich selbst so geschaffen/verändert/beeinflusst, sondern Menschen im Allgemeinen haben andere Menschen im allgemeinen in eine Richtung „erzogen“, wenn nicht hin-gezogen. Werbeabteilungen, Marketingbeauftragte und angegliederte bzw. verwandte Bereiche forcieren ein solches Verhalten ja geradezu durch die unzähligen „Angebote“ und „Geschenke“. Von denen die meisten – wenn man ehrlich ist – im Müll oder in einer Ecke/Schublade landen und sich ohne weiteren Auftrag anhäufen.

Dazu erinnere ich (ungefähr) eine Stelle aus einem Teil der Känguru-Chroniken (oder auch aus dem Manifest, ich weiß es nicht mehr) von Marc-Uwe Kling. Das Känguru ist auf einer Kundgebung oder etwas ähnlichem und jemand möchte ihm einen Flyer (oder was auch immer, wie gesagt, ich erinnere mich nicht genau) in die Hand drücken, worauf es etwas erwiedert im Sinne von: „Ja vielen Dank, ich hab Ihnen auch etwas von meinem Müll mitgebracht.“

Das bringt es sehr schön auf den Punkt. Natürlich haben die verteilten Informationsbroschüren durchaus das, was ihr Name besagt: Informationen. Und natürlich hat ein verschenkter Kuli eine Funktion, genauso wie eine Tasche oder was auch immer gerade verteilt wird (seit letztem oder vorletztem Jahr sind es immer wieder auch gerne die Putzi-Dinger für Smartphones, die auf einer Seite zum Putzen des Touchscreens gedacht sind und die andere Seite mit einer Klebeschicht versehen ist, um es an die Rückseite des Handys zu kleben). Aber die Informationen sind nur für einen Bruchteil der Menschen interessant, die den Flyer erhalten, für die anderen ist es ein weiterer Zettel im endlosen Zettelwald ihrer Häuser und Wohnungen. Und die Kulis und Taschen werden selten ihrer Funktion zugeführt, sondern einfach gesammelt, in ein Glas gestellt, in einer Schublade versenkt, in andere Taschen gestopft. Sie werden ihres Auftrages beraubt und stattdessen dem reinen Zweck des Anhäufens zugeführt. Dem Verursacher ist das meist nicht bewusst, aber unsere Wohnräume und besonders Schränke, Abstellkammern und Flurkommoden legen deutliches Zeugnis ab.

In diesem Sinne plädiere ich für einen bewussteren Umgang mit Geschenken, Giveaways, Goodies und überhaupt all den Objekten, die wir in unserem Leben anhäufen. Im Bezug auf meinen ursprünglichen Post hoffe ich aber auch auf eine Entwicklung hin zu einem bewussteren Wahrnehmen unserer Handlungen, unserer Umgebung und unserer Selbst. So, wie ich die Menschen um mich wahrgenommen habe, hoffe ich niemals gesehen zu werden oder mich selbst zu sehen. Auch wenn ich weiß, dass es mehr Versuchungen gibt, als mir lieb ist, siehe Sale-Season, Ersti-Tüten und ähnliches.

Jedes Mal, wenn ich meinen Schreibtisch, mein Zimmer oder die Wohnung aufräume, wird mir wieder bewusst, wie viel wir von dem Krimskrams, den jeder hat, keiner braucht und den man überall bekommt, ansammeln. Und jedes Zettelchen und Ding davon kostet mich beim nächsten Aussortieren wieder 20 Sekunden des Entscheidens über und des Ausführens seines Schicksals. Das ist nämlich ein noch viel traurigerer Aspekt des Anhäufens von „Müll“, es verstopft nicht nur unsere Wohnräume und unser Leben, es klaut uns auch Zeit.

Ich weiß nicht, wie ihr das seht (ich würde mich aber natürlich freuen, wenn ihr mir davon erzählt), aber ich will in Zukunft auch öfter sagen: „Ja vielen Dank, ich hab Ihnen auch etwas von meinem Müll mitgebracht.“ Dann werde ich den wenigstens auch wieder los.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s