Die Attentate von Paris – Über den Umgang mit etwas Unumgänglichen

Was tut man, wenn so etwas passiert? Springt man auf den Zug derer, die ihren Senf dazu geben müssen? Oder wahrt man respektvolle Stille? Zeigt man der Welt, dass man nicht wegschaut, dass man zur Kenntnis nimmt? Oder macht man verschämt mit dem Alltag weiter, ohnehin nicht wissend, was man dazu sagen sollte?

Die einen färben ihre Profilbilder blau-weiß-rot. Die anderen posten tagesaktuelle Opferzahlen aus anderen Teilen der Welt, die ebenfalls auf das Konto der IS gehen. Sie wollen zeigen, dass Katastrophen nicht nur medialer und politischer Beachtung wert sind, wenn sie vor der eigenen Haustüre stattfinden. Und dann gibt es jene, die das – zumindest in der Öffentlichkeit – gar nicht weiter kommentieren. Sei es, weil sie sich damit nicht beschäftigen oder die Art des öffentlichen Diskurses nicht unterstützen wollen.

In der Politik haben freilich alle namhaften Politiker noch in der gleichen Nacht ihre „Betroffenheit“, ihre „Erschütterung“ und ihre „Solidarität mit Frankreich“ ausgedrückt. Gehört wohl zum guten Ton, das zu versichern, am besten so schnell wie möglich. Aber es sind doch irgendwie nur leere Worthülsen, zu oft verwendet, als dass ihre Tragweite noch zu spüren wäre und zu wenig emotional, als dass sie auf eine menschliche Weise authentisch wirken würden. Sie sind, wozu sie gemacht wurden: Politikjargon.

Ich habe lange gehadert, welcher Strömung ich mich anschließen soll. Keine scheint mir wirklich richtig und keine falsch zu sein. Oder zumindest kann ich alle nachvollziehen, auch wenn mir das Ignorieren der Thematik die am wenigsten „richtige“ Entscheidung zu sein scheint. Allerdings – und da haben die „in anderen Teilen der Welt verrichtet der IS jeden Tag Anschläge und keiner schert sich“-Vertreter durchaus recht – verschließt jeder von uns (ich bin so frei zu verallgemeinern) die Augen, wenn der Schrecken nur weit genug weg ist.

Es sind verschiedene, unter anderem sehr persönliche Gründe, die mich zu einer schriftlichen und ja, auch öffentlichen Auseinandersetzung mit den „Vorfällen“ bewegt haben. Ich muss zugeben, dass ich selbst immer eher zu jenen gehöre, die keine Horrormeldungen auf Facebook teilen, selten irgendwelche Seiten liken, die auf etwas aufmerksam machen wollen und oftmals nur wenig vom Schrecken der Welt mitbekommen. Viel zu oft lebe ich einfach vor mich hin, schaue nur in unregelmäßigen Abständen Nachrichten und höre sie allenfalls im Radio. Und doch bin ich – habe ich das Gefühl – fast zu sehr mit ihnen aufgewachsen. Nicht, weil es etwas Schlechtes wäre, informiert zu sein. In der Regel durchaus nicht. Aber bei den dauerhaften Katastrophenbildern – natürlicher und menschengemachter Ursache – schaue ich hin und fühle doch meist nichts. Ich stehe nur vorm Fernseher (ich bin selten lange genug vor ihm, als dass sich hinsetzen lohnen würde) und schüttel den Kopf ob des Chaos und Horrors in der Welt. Und dann mach ich mit meinem Tag weiter und hab schon keinen Gedanken für das eben gesehene mehr übrig. Abgestumpft nennt man das häufig. Man sieht so viel Tod und Trauer, dass es nicht mehr ins Innerste vordringt.

Ich erinnere mich noch verschwommen, an die Bilder des 11. Septembers. Damals war ich in der Grundschule. Ich habe nicht verstanden, was da passierte und war auch nicht „betroffen“. Klar, kannte man auch als Knirps die Bilder aus dem Fernsehen, deren Tragweite hat man oder habe ich aber nicht umrissen. In der Schule wurde eine Gedenkminute gehalten, allerdings während der Pause und freiwillig. Ich bin hingegangen, weil mir schien, das mache man so, auch wenn ich nichtmal im mindesten nachvollziehen konnte, wofür eine Minute Stille gut sein könnte oder was das helfen würde.

Ich wurde älter und Terroranschläge, Attentate und andere schreckliche Dinge rückten in den Fokus der Öffentlichkeit und verschwanden irgendwann wieder ohne dass sie einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen hätten. Sie waren weit weg, surreal, wie aus einer anderen Welt, die nichts mit meiner zu tun hat.

Das war diesesmal anders. Ganz anders.

Wie vermutlich halb Deutschland und Frankreich schaute ich mir die Übertragung des Freundschaftsspiels an – passenderweise in Gesellschaft von Freunden. Ich kann wenig Begeisterung für Fußball aufbringen und so hing ich eher meinen eigenen Gedanken nach als wirklich dem Spielverlauf zu folgen. Bis es einen lauten Schlag ließ, einen nicht zuordenbaren Knall. Etwas verschreckt fragte ich in die Runde, was das gewesen sei. Ich hatte in meiner Naivität noch geglaubt, dass es was sei, was man vielleicht öfter höre, wenn man regelmäßig die Übertragungen schaut. Ein sehr lauter Böller vielleicht oder Probleme mit der Mikrofontechnik. Man merkt, ich bin wirklich unbedarft in diesem Bereich. Entsprechend witzelnd und albern waren die Erklärungen meines Dolmetschers für das wahre Leben. Wirklich erklären, konnte es aber keiner in der Runde. Wie auch!

Auch der zweite Knall brachte keine weiteren Erkenntnisse, außer dass der Kommentator berichtete, es hätte im Laufe des Tages schon Bombendrohungen gegen das Hotel der deutschen Nationalelf gegeben und dass die französische Ehrentribüne im Lauf des Spiels geräumt wurde. Als nichts weiter passierte, dämmerten wir alle nach und nach weg und von der zweiten Hälfte des Spiels hat wohl keiner mehr was mitbekommen. Erst als die Berichterstattung einsetzte und gegen Ende des Spiels die ersten Erkenntnisse über die Ereignisse in Paris bekanntgegeben wurden, waren wir wieder hellwach und folgten dann die halbe Nacht den Nachrichtensendungen.

Diesmal saß ich auch kopfschüttelnd da, ungläubig und verwirrt. Und auch verständnislos. Wirklich. Mir fehlt es an Kenntnis der Ursachen. Was muss Menschen zustoßen, dass sie so etwas für den richtigen Weg halten? Was müssen sie erlebt und gesehen haben, dass sie so ein Verhalten für „richtig“ halten? Andererseits reagiert Frankreich ja auch mit Gewalt.

Paris – man kennt immmer mal wieder Unruhen und brennende Autos, aber so etwas? Der Nachhall des Knalls im Stadion krachte noch in meinen Ohren und beim Anblick der Bilder durchfuhr es mich eiskalt. Von den tatsächlichen Tatorten kamen erst später „richtige“ Aufnahmen. Was sich mir aber als erstes und am eindrücklichsten ins Hirn gebrannt hat, das ist die Situation im Stadion, als die Menschen auf einmal nicht mehr Richtung Ausgang strömten sondern umdrehten und aufs Spielfeld rannten, die Panik in den Augen.

Ich weiß nicht, warum mich diese Bilder mehr oder überhaupt berührt haben, als all jene der Monate und Jahre zuvor. Vielleicht weil sie „live“ waren. Das war nicht aus einem Film, keine irgendwann gemachten Aufnahmen. Das passierte in dem Moment, in dem wir zusahen. Vielleicht auch, weil wir durch das direkte – ich möchte nicht sagen „Miterleben“ – aber doch „Mitkriegen“, das Hören des Knalls im Stadion und die dabei gefühlte Verunsicherung emotional beteiligt waren.

Wirklich erklären, kann ich es nicht. Ich bin froh, dass ich etwas fühle, dass es mich nicht kaltlässt, dass ich Empathie aufbringen kann. Ich möchte nicht sagen, ich würde „Anteil nehmen“ oder mit den Betroffenen „mitfühlen“. Trotz der ehrlichen Bestürzung, die ich empfinde, kann ich mir kaum anmaßen auch nur im entferntesten zu glauben, ich wüsste, wie sie sich fühlen.

In Ermangelung besserer Worte: Ja verdammt, ich bin „betroffen“, im Sinne von „ich habe zugeschaut und habe ehrliche Erschütterung und völliges Unverständnis gefühlt“. Solidarisiere ich mich mit Frankreich? Ich weiß nicht. Ich habe mich dafür entschieden, öffentlich zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Nacht passiert ist. Ich habe mich entschieden, die Welt wissen zu lassen, dass ich es wahrnehme und nicht ignoriere. Und ja, ich möchte mir diesen Schlag ins Gesicht in Erinnerung behalten, nicht nur wegen unseres Nachbarlands, sondern als Mahnung der Zustände in der ganzen Welt. Frankreich habe ich gefühlt. Dieses Gefühl möchte ich so lange es geht in mir tragen, damit ich es nicht vergesse, wenn die nächsten Opferzahlen und Bilder kommen, nicht nur aus Europa sondern egal von welchem Teil der Erde.

Solidarisiere ich mich nun also mit Frankreich? Ja und nein. Nicht nur. Ich solidarisiere mich mit allen Betroffenen von Gewalt. Ich möchte nicht „Opfer“ sagen, das hat eine schwache, hilflose Konnotation. Es rückt diejenigen, an deren Seite wir doch stehen wollen, in ein falsches Licht, stempelt sie ab. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung des Wortes. Darum bleibe ich bei „Betroffene“.

Um auf die oben genannten Strömungen zurück zu kommen: Wie man sich auch entscheiden mag, ich apelliere für eine „Anteilnahme“ an den Geschehnissen in Frankreich, auch als Erinnerung an die Schrecken im Rest der Welt. Ob man diese Anteilnahme nun öffentlich kundtut oder nicht, das aber sei jedem selbst überlassen!

 

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Das Bild des heutigen Posts entstammt nicht meiner eigenen Hand, vielmehr habe ich es auf folgender Website gefunden: https://www.campact.de/paris/appell/teilnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fparis%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-a

2 Gedanken zu “Die Attentate von Paris – Über den Umgang mit etwas Unumgänglichen

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