Der Mensch kann nicht mit dem Menschen

Die letzten beiden Wochen haben wir über den Umgang mit schockierenden aber kaum greifbaren, weil nicht direkt uns betreffenden Ereignissen nachgedacht (Paris-Attentate und Update zu den Attentaten).

Heute möchte ich etwas – wenn nicht konkreter – so doch für uns lebensnaher werden und über den Umgang mit Menschen sinnieren; im Besonderen über den Umgang mit uns nahestehenden Menschen.

Was ist es, dass die „Stimmung“ einer Beziehung in die eine oder andere Richtung lenkt? Warum verändern sich Umgangsformen im Miteinander ohne, dass es von auch nur einer der beiden beteiligten Personen (-Gruppen) gewollt wäre?

Ich habe vor Jahren mal ein Zitat gelesen, von dem ich nicht mehr weiß, wer der Autor war und zu dem auch eine (zugegeben kurze) Online-Recherche nichts ergeben hat, das aber sehr treffend ist:

„Niemand kann uns ferner sein, als derjenige, der uns nahe ist.“

Jeder von uns, oder vielleicht sollte ich nicht so sehr verallgemeinern. Die meisten von uns kennen, was das Zitat ausdrücken will. Dieses Phänomen, dass es eine unüberwindbare Mauer zwischen uns und einem uns wichtigen Menschen gibt.

Wehe dem Dritten, der von außen auch nur schief auf besagte Personen schaut, der ein dummes Kommentar abgibt, sie beleidigt oder verletzt. Sie sind Eltern, Geschwister, Freunde oder Partner und keiner, KEINER hat das Recht etwas Negatives über sie zu sagen. Also außer wir selbst natürlich. Wir können nämlich gar nicht anders. Aber schließlich ist da die Situation ja auch gänzlich verschieden, die emotionale Involviertheit eine ganze andere. Wir können nicht anders, wir müssen unserem Ärger Luft machen. Schließlich sind wir direkt be-troffen, be-teiligt, ge-troffen und be-nach-teiligt. Aber auch wir verletzen.

Es ist so leicht anderen Menschen Ratschläge zu geben, andere Sichtweisen aufzuzeigen, zu sehen, dass sie übertreiben oder falsch interpretieren. Nur bei unserem eigenen Verhalten sind wir dazu nicht im Stande und wenn, dann reicht es von der Erkenntnis doch nur bis zur nächsten Auseinandersetzung und alle Klarheit und Objektivität sind wie weggeblasen.

Und unser Ärger entlädt sich auf die eine oder die andere Weise, setzt aber immer eine Spirale in Gang, denn unsere Explosion bewirkt sicher kein größeres Verständnis oder Entgegenkommen in unserem Gegenüber.

Die Wahrheit ist, ich verliere äußerst selten die Beherrschung. Ich schreie normalerweise nicht rum oder werfe den Menschen Dinge an den Kopf, die ich hinterher bereuen könnte. Meine Explosionen gelangen in den wenigsten Fällen nach außen. Viel zu groß ist selbst in wütenden, verletzten, verärgerten und enttäuschten Momenten die Angst, den anderen zu verletzten, die Konsequenzen zu sehen, selbst Auslöser der Abwärtsspirale im Gegenüber zu sein.

Stattdessen werde ich sehr still und mache meine Negativität mit mir selbst aus. Ich sage nichts und bereue es doch.

Keins der Szenarien ist besser als das andere. Im ersten verletzen wir die, die wir lieben. In letzteren haben wir ihnen irgendwann gar nichts mehr zu sagen.

Wie kommt es soweit? Wieso wird aus einer einst liebevollen Beziehung eine spannungsgeladene? Warum sind wir so unfähig, miteinander umzugehen, wo wir doch eigentlich das ganze Leben üben, es zu tun?

Psychologen und Soziologen können bestimmt tolle Antworten geben auf die Frage nach dem zugrunde liegenden Prozess, erklären, wie es zu einer spezifischen Situation gekommen ist. Aber können sie auch sagen, warum wir als Menschen so oft an uns scheitern? An uns selbst im je individuellen Wortsinn und an unserer Art im biologischen Sinne?

Ich werde noch viel „üben“ müssen, viel falsch machen auf meinem Weg zu einem besseren Umgang mit dem/den Menschen. Nicht nur mit denen, die mir nahe stehen. Auch mit jenen, die mir im alltagskontext schlicht suspekt sind.

Es wird noch lange dauern, bis ich es richtig und in echt tun kann. Aber als erster Schritt und weil mir schreiben viel leichter fällt als sprechen, zumindest in persönlichen Dingen, möchte ich mich hier in aller Deutlichkeit bei denen entschuldigen, denen ich kein „besserer“ ihnen nahe stehender Mensch sein kann, dass ich Fehler habe und mache und dass ich bestimmt noch sehr oft, „nichts“ sagen und damit doch so viel ausdrücken werde.

EDIT: Im Übrigen heißt besser werden nicht, jemals gut zu sein. (29.02.2016)

 

Das ist heute sicherlich ein etwas anderer Post als sonst. Normalerweise freue ich mich zwar immer, wenn ich von euren Meinungen zu meinen Beiträgen höre, kann aber verstehen, wenn euch das heute eher verstummen lässt. Ich glaube, ich habe auch noch nicht die richtigen Worte gefunden, für das, was ich eigentlich ausdrücken möchte. Aber es musste zumindest für den Moment trotzdem gesagt werden. Mein Versuch auf das zeitlich passendere Thema des Advents, der Wichtigkeit von Äußerlichkeiten für die eigene Stimmung und schöne Weihnachtsbeleuchtungen einzugehen, klang so hohl und gestellt, dass ich mich meinen gegenwärtig dominanteren Gedanken ergeben habe.

Mit der Zeit, wenn ich die Sprache gefunden habe, die die eigentliche Geschichte erzählt, komm ich zurück und überarbeite meinen holprigen Text.

Im Übrigen haben wir letzte Woche klammheimlich die Marke von 10 Blogposts geknackt. :O 10 Blogposts heißt 10 Wochen. 30 ist die magische Zahl, die ich mir selbst gesetzt hab. Wofür? Wenn ich so viele Beiträge geschrieben habe, glaube ich mir selbst, dass ich wirklich dabei bleibe und dass das nicht nur eine temporäre Schnapsidee eines vielzu begeisterungsfähigen Menschens ist. Dann zieh ich um zu meiner eigenen Domain. Es würde mich freuen, wenn ihr als Leser der ersten Stunde dabei seid. 🙂

 

 

2 Gedanken zu “Der Mensch kann nicht mit dem Menschen

  1. Eine interessante Thematik. „Niemand kann uns ferner sein, als derjenige der uns nahe ist“ .

    Ich habe es immer wieder erlebt, dass Menschen nicht einmal mit sich selbst konnten … Wenn ich solchen Menschen begegne kommt mir Richard Beauvais in den Sinn.

    Zitat :
    „Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen – er wird allein sein.
    Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten? Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der – Teil eines Ganzen – zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet.
    In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein – wie im Tod – sondern lebendig als Mensch unter Menschen.“

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  2. Das ist richtig und ganz bestimmt nochmal eine Thematik für einen ganz eigenen Eintrag. „Mit sich selbst nicht umgehen können“. Ich habe das Gefühl, das ist gar nicht so selten der Fall.

    Ein sehr intressantes Zitat, dass ich inzwischen mehrfach gelesen habe. So etwas muss man schließlich erstmal auf sich wirken lassen (darum auch erst jetzt meine Antwort). Darüber werde ich noch ein Weilchen sinnieren, weil mir jedesmal wieder neue Gedanken gekommen sind und ich es für mich vollständig (soweit möglich) beleuchten möchte, bevor ich meine Überlegungen der Welt mitteile. 🙂

    Fürs erste ist das Zitat aber mal auf meiner Liste mit möglichen Blogthemen gelandet, damit ich es nicht vergesse… 🙂

    Danke!

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