Wenn die Welt feiert: Horrornacht Silvester

Eigentlich will ich nicht schon wieder über die unschönen Seiten des Menschseins schreiben. Nicht nach so kurzer Zeit schon wieder und eigentlich überhaupt gar nicht. Aber sie lassen sich nicht ausblenden. Jeden Tag werden wir in den Medien und manchmal auch im Alltag mit ihnen konfrontiert.

Von den Geschehnissen der Silvesternacht habe ich erst spät mitbekommen. Im Urlaub habe ich mich so gut wie gar nicht mit den Nachrichten der Welt oder von zu Hause beschäftigt. Umso unglaublicher kam mir alles vor, als ich in der zweiten Januarwoche die Tagesschau wieder zur Kenntnis nahm. Eine Woche lang hatte ich von all dem Nichts mitbekommen. Für einen kleinen Moment war ich einfach nur froh, dass ich ein friedliches, unbekümmertes Fest hatte, dass ich nicht dort war. Nicht so etwas erleben musste. Nicht so ein neues Jahr beginnen musste.

Paris, das war etwas, das in seiner Brutatlität und Grausamkeit sprachlos gemacht hat. Das Gefühl des kalten Schauers werde ich nicht vergessen. Aber verstehen, was diese Menschen fühlen, was sie durchmachen, wie sie ein Danach gestalten, wenn es denn noch ein Danach gab, das kann und konnte ich nicht.

Silvester ist etwas anderes. Wenn man einmal eine Kostprobe derartiger oder ähnlicher Gewalt gegen Frauen bekommen hat, sieht man solche Fernsehmeldungen nicht mehr mit dem ungläubigen Erschauern ob der menschlichen Grausamkeit. Dann gibt es keine unangenehme Gänsehaut mehr.

Dann kommt bei jedem Mal das Gefühl wieder hoch. Die Erinnerung. Und allein von der Vorstellung, wie es ist, wenn es über das selbst Erlebte hinausgeht, wie es sein muss, wenn es nicht nach den unendlichen Sekunden der Berührung vorbei ist, wird mir schlecht. Das ist keine Redewendung, das ist Realität. Da schäumt Ekel auf.

Ich erinnere mich an viele Gefühle und empfinde alle jetzt noch bei jedem Gedanken zurück.

Überraschung. Verwunderung. Überforderung. Angst. Ekel. Ekel vor dieser Person, vor der Welt, die so etwas hervorbringt, vor sich selbst. Demütigung. Ungläubigkeit. Natürlich auch Wut und ja, auch Hass. Hass auf den Menschen, der so etwas tut, auf eine Welt, die das zulässt und ganz besonders auf sich selbst, darauf dass man es nicht verhindern kann. Wer ist man als integerer, unabhängiger Mensch, wenn man diese Integrität und Unabhängigkeit nicht schützen kann? Wenn sie tatsächlich von der Gutwilligkeit anderer Menschen abhängt, die einem so etwas nicht antun, die einen nicht so unweigerlich in seinem ganzen Wesen und Wert in Frage stellen?

Vielleicht bin ich zu emfpindlich. Vielleicht sollte ich mich mal nicht so haben. Und vielleicht ist doch gar nicht so viel passiert.

  1. Mir vielleicht nicht.
  2. Die Einschätzung eines anderen Menschen ist völlig unerheblich. Ich entscheide, was ich schlimm finde, wie ich was für mich und meinen Körper bewerte. Mir und jedem dieser Mädchen allein steht es zu, zu fühlen, was auch immer es ist, das ich oder sie in der Situation und in all den Tagen und Wochen und Monaten danach fühlen.
  3. Auch das „ist doch gar nicht so viel passiert“ ist schon viel zu viel. Keine Frau, kein Mensch hat weniger Wert als ein Mann, ein anderer Mensch, hat ihm zu Diensten zu sein oder ist ihm untergeordnet. Jede und jeder von uns hat so viel Freiheit seiner Person, wie jeder andere auch und diese Freiheit hört da auf, wo die des anderen beginnt.

Mein Wert definiert sich nicht darüber, was andere mir nicht antun können.

Fehlgeleitet wohlmeinende Ratschläge von geistig möglicherweise verwirrten Politikern, die Verhaltensratschläge geben, zu hochgeschlossener, womöglich ziemlicher Kleidung mahnen (wobei man sich grade im Winter auch mal fragen kann, was die glauben, wie die Frauen herumgelaufen sind), eine Armeslänge Abstand als die Lösung aller Probleme deklarieren (als ob man das immer beeinflussen könnte und als ob die Frauen die Nähe zu ihren Angreifern gesucht hätten) und anraten, als Frau doch besser gleich nach Hause zu gehen oder geschützte Orte aufzusuchen, wenn die Dunkelheit sich auf die Erde legt, setzen in mir ungeahnte Agressionen frei. Besser mal vor der Pressekonferenz das Gehirn betätigt.

Im Übrigen sind die ganzen Besserwisser à la „und hast du ihm wenigstens ordentlich eine zentriert“ oder „ich glaub, ich hätte xyz getan“ genauso zum Kotzen. Lasst uns doch einfach weiterreden, wenn ihr in der Situation ward und wenn ihr dann wirklich xyz getan habt. Dann bin ich schwer beeindruckt. Und vermutlich auch neidisch, dass ihr eine ungleich schnellere Reaktionsfähigkeit habt, als ich.

Andererseits mit jedem mal wird man schneller.

Zuletzt möchte ich hervorheben, dass bei all der Emotionalität, die bei so einer Thematik hochkommt, eine Instrumentalisierung für politische Kampagnen, für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die schlechteste aller Herangehensweisen ist. Sexuelle Übergriffe gegen Frauen (und im Übrigen nicht nur gegen sie) sind keine Frage der Hautfarbe oder Religion. Sicher spielt die Sozialisation eine Rolle, sicher auch die Erfahrungen im eigenen Leben und Umfeld. Aber von diesem Ereignis zu pauschalisieren, das Böse nur in der anderen Kultur zu sehen, die ja ein völlig anderes Frauenbild und unnachvollziehbare Wertvorstellungen habe, heißt doch die Thematik bis zur Unkenntlichkeit zu vereinfachen.

Auch in anderen Ländern der Erde ist es nicht gängige Praxis, Frauen zu vergewaltigen oder zu misshandeln. Auch in Deutschland, den USA oder sonst einem so „westlichen“, „zivilisierten“ Land gibt es so etwas.

Aber statt dem Verstehen und gegenseitigem Lernen den Weg zu ebnen, wird die Angt geschürt. Angst vor dem Außerhausgehen, vor dem Fremden, vor dem Leben in einer eben nicht sicheren Welt.

Besser wir machen die Türen zu und lassen die Probleme draußen. Gut ja, dann muss man irgendwann auch die Fenster schließen und bald auch die Rolläden, Barrikaden bauen, Wände verstärken, Sicherheitszonen errichten und so lange wie möglich so tun, als gäbe es kein „Draußen“. Das geht zwar nicht ewig. Aber das ist dann das Problem der Zukunftswelt und erstmal nicht unseres.

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