Ein Hoch auf die närrische Zeit (und mehr noch auf ihr Ende)

Helau, ahoi, alaaf. Inhaltslose Ausdrücke, sinnfreie Musik und viel Tamtam. Dazu entweder halbherzige Kostüme oder ganz ausgefeilte und dafür ziemlich gruselige mit unschönen Masken. Und Alkohol. Ganz schön viel Alkohol. Eigentlich zu viel Alkohol. Anstrengende Menschen, unnachvollziehbares Verhalten und ein Aussetzen des Verstandes.

Ungefähr so habe ich Fasching immer gesehen. Oder Karneval oder Fastnet oder was auch immer die jeweilige Bezeichnung ist.

Ja toll, man kann sich verkleiden. Das tu ich das ganze Jahr über, wenn ich im Histotainment Park Adventon im Buchladen des Karfunkel Verlages, in einer der Gastronomien zum Spülen oder an der Kasse stehe und wie eine vermurkste Mischung aus Mittelalter-Wikinger-mir-alles-egal-hauptsache-es-gibt-warm aussehe.

Verkleiden. Anders ausehen. Mal nicht zivil sein. Das sind nicht wirklich Dinge, die ich auch noch zu Fasching brauche. Oder zumindest ist es Nichts, das die ganze Angelegenheit für mich besser macht.

Normalerweise ist das eine Zeit, die ich geflissentlich abseits jedweden närrischen Verhaltens verbringe. Ich versteh sie nicht (sie, diese Zeit und sie, diese Menschen).

Würde bei uns in der Europäischen Ethnologie ein Seminar angeboten werden wie „Fasching – Fasnet – Karneval. Ein Brauch im Wandel der Zeit“ oder „Die närrische Zeit für Dummies“ (okay, so würde kein Seminartitel lauten, aber es würde mich freuen) oder auch „Ein Helau für die Kröte – Der Kulturprozess im bunten Treiben“, ich würde es sofort belegen. Klassischer Ansatz: wir versuchen es mal mit akademisch-rational, wenn die Welt uns ihr verpsielt-irrationales Gesicht zeigt. Hat schon immer gut funktioniert. In meiner Parallelwelt zumindest.

Bei meiner Kopf in den Sand stecken und warten bis es vorbei ist Taktik, habe ich die Rechnung allerdings ohne das Leben, meinen faschingsverückten Freundeskreis und einen geistig umnachteten Prinzen gemacht, der sich für die tollste Erfindung seit Menschengedenken hält. 😉

Ich kann jetzt mehr Faschings-Lieder bruchstückhaft mitgrölen als mir je lieb gewesen wäre, hab mindestens ein Dutzend Fotos von mir in plüschigem Pummel-Kröten-Kostüm, hab mit jeder einzelenen Polonaise eine zu viel über mich ergehen lassen und mich schon so oft wie lange nicht mehr gefragt, ob das die Welt ist, die völlig gaga ist oder ob ich einfach zu… – ja was eigentlich? – bin.

Andererseits habe ich viele neue Dinge gesehen, erlebt und mitgemacht. Prunksitzungen (gut, dass die da auch tanzen, Dialekt versteh ich nur mit Simultanübersetzung), Teilnahme an Faschingsumzügen, Kinder mit Süßigkeiten bewerfen (hätte ich nicht lieber so ein Kind sein können?), Prinzen begraben…

Gesternabend ist der ganze Spuk zu Ende gegangen und wenn ich jetzt zurückblicke, resümiere, feststelle, dass ich nichtmal an der Hälfte aller Veranstaltungen teilgenommen habe und trotzdem gut bedient bin, alles suspekte und unnachvollziehbare ausklammere, dann bleibt eine alles in allem recht positive Bilanz übrig.

Was bleibt sind nämlich Erfahrungen, Erinnerungen, Zeit mit wichtigen Menschen. Ob all der Dinge, die ich komisch finde, wende ich mich oft lieber meiner Ruhe und meinen Büchern zu. Das ist angenehm und auch wichtig, aber nichts, was man mal seinen Enkeln erzählt. Nichts woraus man neue Erlebnisse und Erinnerungen zieht. Und nichts, was einen allein glücklich macht.

Wooow, hab ich gerade gesagt, dass Fasching mich glücklich macht. Nope, nope, NEIN, das hab ich nicht. Habe den Absatz gerade noch dreimal gelesen. So ist das nicht zu verstehen.

Die ersten Gedanken für diesen Artikel hab ich kurz nach der Prunksitzung „unseres“ Faschingsvereins niedergeschrieben. Genaugenommen war es ziemlich wortgetreu der letzte Absatz. Weil ich an diesen Abend an die gedacht habe, die dabei waren, an unsere spanische Begleitung, die den Spaß ihres Lebens hatte und daran, dass es viele Gründe geben kann, an komischen Gelagen teilzunehmen, deren Sinn und Auftrag man nicht versteht.

Vielleicht ist das für mich auch das beste daran. Ich kann mir dieses unvernünftige Verhalten in keinster Weise vernünftig erklären. Aber irgendwie geht es darum gar nicht.

Und so habe ich an Fastancht/Fasching/Karneval meinen eigenen Spaß. Ohne anschließendes Fasten aber mit viel Skepsis gegenüber der Musik und dem närrischen Verhalten, habe ich eine richtig gute Zeit gehabt. Am Ende ist es nie wirklich wichtig, um was es geht, sondern nur, wer dabei ist. Den Unterschied machen die Menschen.

Fasching - Ein Hoch auf die närrische Zeit (und mehr noch auf ihr Ende)

(Trotzdem schön, dass jetzt für ein Jahr wieder Ruhe ist… 😁)

2 Gedanken zu “Ein Hoch auf die närrische Zeit (und mehr noch auf ihr Ende)

  1. Na das wäre mal eine Vorlesung, die ich auch als Gasthörer verfolgen würde: >>Das närrische Treiben in seinem historischen Verlauf und seine Bedeutung für die verschiedenen Völkergruppen der Welt<< Denn schließlich erstreckt sich Karneval auf die ganze Welt! Nicht zuletzt hat Karneval auch eine in der Gesellschaft verwurzelte Funktion und (war) nicht zum Saufen da……

    Zum Glück lässt sich abgesehen davon auch nicht immer alles rational- logisch erklären, wie langweilig wäre es, wenn sich der Sinn mancher Dinge immer (gleich) erschließen würde….gerade Fasching muss aus der rational-logischen Welt ausbrechen! Die Menschen aus dem Trott des Alltags bringen….

    Und nicht zuletzt ist Fasching ein Stück Heimat. Heimat, weil Fasching Tradition ist; Tradition dient zur Identifikation. Identifikation mit einem Gefühl, das Heimat bedeutet.

    In diesem Sinne, bis zum 11.11 um 11.11 Uhr 😉

    Gefällt 1 Person

    • Hm, ja das mit dem aus der Logik ausbrechen… Gib mir Schokolade und wir können drüber reden, aber ansonsten…^^

      Weihnachten war auch mal nicht nur für Geschenke da.
      Aber du hast schon recht, es gab mal andere gesellschaftliche Gründe, als das Trinken und bestimmt gibt es sie noch. Vielleicht geht mein Verständnis nächstes Jahr ja schon einen Schritt weiter und ich kann davon mehr sehen. 🙂

      PS: Trotz allem: Es ist sooo schön, dass der 11.11. noch sooo weit weg ist. 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s