Brot und Spiele 2.0

Brot und Spiele 2.0

In der Regel halte ich mich sehr weit weg von Fernsehern. Sie fressen Zeit und machen einen wirr im Kopf. Zeit brauche ich aber und Verwirrung hab ich auch so genug.

Oft wird Fernsehen kritisiert, früher hätte man noch mit einander geredet, abends Spiele gespielt, hätte es noch eine Gemeinschaft gegeben, in der Familie, der Straße, dem Dorf etc.

Interessanterweise schaue ich eigentlich nur in den Flimmerkasten, wenn ich in Gesellschaft bin. Meistens Sonntagabends umgeben von Familie oder Freunden wenn Tatort läuft. Oder wenn man gemeinsam ins Kino geht. Wann ich mich das letzte mal alleine in den Sessel gesetzt und für mich die Kiste angeschaltet habe, kann ich nicht sagen muss aber Ewigkeiten her sein. Und ins Kino geht man auch nicht alleine.

Das führt zwar zum einen dazu, dass ich Null Filmkenntnis besitze. Und mit Null meine ich Null. Meistens weiß ich nicht mal von Filmen, die ich gesehen habe, dass ich sie gesehen habe. Sind keine Informationen, die in meinem Kopf bleiben. Sehr zum völligen Unverständnis meiner Schwester und meines Dolmetschers-für-das-wahre-Leben.

Andererseits entgehen mir dadurch glücklicherweise auch etliche Ausrutscher und Aussetzer des menschlichen Verstandes und viel mehr noch seines Rückgrates.

Dass es so etwas wie Germany’s Next Topmodel (oder „cooler“: GNT), DSDS und „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ (heißt das dann eigentlich  „IBES,HMHR!“?) gibt, ist allerdings auch mir bekannt. Diese Formate gab es schon, bevor ich meine Beziehung zur Schwarzen Kiste beendet habe. Seitdem haben sich unzählige weitere Sendungen, die man vom Hörensagen kennt, hinzugesellt. Klingende Titel wie Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht,  der Bachelor und wenn ich das richtig mitbekommen habe seit gestern etwas des Namens Herz zu verschenken, teilen sich die Programmzeiten am Nachmittag.

Wohl erfolgreich, wenn sie schon so viele Jahre in Folge ausgestrahlt werden.

Zu meinem Entsetzen, kann ich das in Teilen verstehen. Wenn eine neue Staffel Germany’s Next Topmodel anlief, war das während meiner Schulzeit ein Großereignis im Internat. Da saß das ganze Heimleiterzimmer (der Raum, in dem sich die Aufsichtspersonen tagsüber aufhielten und indem der Fernseher war) voll. Übrigens gar nicht nur mit Mädels. Aus der Internatskasse wurden Süßigkeiten und Chips spendiert und von 20 und mehr Leuten mit Freude gefuttert, während die Topmodels-in-Spe ungewürzten Brokkoli aßen und rätselten, ob man wirklich von ihnen verlangen würde, Sport zu machen, so als käme das etwas furchtbar Unanständigem gleich. Es waren immer witzige Abende, keine Frage.

Auch die DSDS-Castings sind immer witzig, ob der Getalten, die da auftauchen. Und wenn man erstmal angefangen hat, irgendeine dieser Sendungen zu schauen, will man sie auch die folgenden Wochen wieder schauen, um mitzukriegen, was mit den Leuten passiert, für die man inzwischen mitfiebert.

Aber warum eigentlich? Sieht man mal ganz davon ab, dass es aus ethischer Sicht ziemlich abscheulich ist, was da ausgestrahlt wird. Menschen werden vorgeführt, vor der ganzen Nation lächerlich gemacht (okay, schauen das wirklich so viele?), heruntergeputzt, als unfähig dargestellt, eindimensional widergegeben oder dümmlich porträtiert. Manchmal alles davon. Wenn auch nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge.

Auf die vielen „Verlierer“ kommen einige wenige „Gewinner“, die von der Publicity tatsächlich profitieren, die Deutschlands Superstar werden und wirklich im Musikgeschäft landen, die von ihrem Modeln leben können, sogar gut leben können, die eine „Liebe“ gefunden haben, die auf einmal irgendwie gehyped werden und „cool“ sind, wo sie in ihrem ganzen Leben alles andere, als eben das waren.

Davon also mal abgesehen, warum schaut man das? Warum haben diese Sendungen derart hohe Einschaltquoten, dass sie nicht nur jahrelang produziert werden sondern sich auch noch vermehren, zu dutzenden aus dem Boden sprießen und nicht mehr verschwinden?

Unterstellen wir nicht reine Boshaftigkeit an der Zurschaustellung anderer Menschen, muss es doch Gründe für so ein irgendwie absurdes Verhalten geben. Warum interessieren sich Menschen für „so etwas“?

Ist es der Funken des märchenhaften Weges vom Tellerwäscher zum Millionär?

Die Neugier am anderen Menschen? Weil sich der Mensch immer für andere Menschen interessiert? Wie sie etwas tun/lösen/angehen? Wie sie die Welt gestalten? Wie sie etwas machen? Das uns sagen könnte, wie wir „es“ zu machen haben?

Ist es die resignierte Erkenntnis, dass im nächsten Programm gruselige Krimi-Sendungen laufen, nach denen man nicht schlafen kann, gegebenenfalls auch Nachrichten und Politikdebatten mit ziemlich demselben Effekt?

Ist es das Austreten aus dem eigenen Alltag und Leben? Ein Buch zur Hand nehmen, könnte auch helfen.

Was ist es, dass uns, dass Menschen so etwas schauen lässt? Auch jene, denen bewusst ist, wie menschenverachtend das ist.

Was ist es?

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