Ein Rucksack rollt

Jeden Tag sehen wir sie. Fast jeden Tag beobachten wir sie. Oft wundern wir uns über sie. Manchmal bewundern wir sie auch. Einige verärgern, andere erfreuen uns.

Diese wundersame Spezies namens Mitmenschen.

Hoimer von Ditfurth hat ein wirklich gutes Buch geschrieben mit dem Titel „Innenansichten eines Artgenossen“. Bester Titel überhaupt. Wäre es nicht seiner, ich hätte ihn liebend gern für meinen Blog genommen. Er ist treffend und prägnant und gibt genau wieder, was viele meiner Beiträge sind. Unter anderem auch dieser.

Ich stehe in einem Stadtbus im Gedränge. Mittags ist es immer voll. Immer. Wer Pech hat, passt oft gar nicht mehr rein und muss auf den nächsten Bus warten. Oder den übernächsten. Wenn sie wirklich voll sind, halten sie nicht mehr überall. Nur dort, wo jemand aussteigen will.

Heute geht es. Platz und persönlicher Abstand sehen anders aus. Aber ich habe keine Schulter, keinen Pelzmantel und keinen Ellbogen im Gesicht. Man könnte das als richtig guten Tag ansehen.

Meine Blicke schweifen über die übrigen Fahrgäste, unbeteiligte Gesichter, manche mit Kopfhörern im Ohr. Manche sind tatsächlich wach und unterhalten sich mit Freunden. Aber das sind wenige. Die meisten hängen ihren Gedanken nach oder den erfreulichen aber noch wenig kräftigen Sonnenstrahlen, die am Fenster vorbeiziehen.

Auf einmal geht ein Ruck durch den Bus und wir bleiben abprupt stehen. Das heißt, der Bus bleibt stehen, die Mitreisenden schwanken noch, mit einer Hand oder einem Finger an irgendeiner Stange hängend und verwirrt aufschauend. Beim zu Recht rücken der Haare, Schals und Taschen, gegebenenfalls auch Kopfhörer, sieht man kurz das Aufflackern der Zahnräder, die sich wundern, was das jetzt schon wieder war, aber es ist schnell erloschen. Der Trott geht weiter. Busse bremsen unkontrolliert. Das kommt vor.

Zur gleichen Zeit im hinteren Teil des Busses: Ein junger Mann sitzt in der Mitte der hintersten Bankreihe. Er macht den Eindruck eines Menschen, der irgendwie da ist, aber auch ganz weit weg. Nicht weil er gedankenversunken aussieht, im Gegenteil er scheint den Bus und die Menschen zu sehen, aber anfangen kann er mit seiner Umgebung nichts.

Als die heftige Bremsung kommt, fällt er vornüber. Während er sich gerade noch an den Griffen der Bankreihen vor ihm abfangen kann, macht sich sein Rucksack auf eine polternde Reise zwischen die Füße der im Gang stehenden. Der Besitzer macht sich ungelenk zwischen den Beinen seiner Mitreisenden zu schaffen und schafft es nach einigen wenig grazilen Griffen ins Gewusel, seinen Rucksack wieder zu beschaffen.

Ich folge dem Schauspiel, zu weit weg um unterstützend eingreifen zu können, zu körperlich zu letargisch um mich mit einem Hechtsprung in die Menge zu stürzen. Nur mein Kopf ist im Rahmen seiner im Geschunkel eingelullten Möglichkeiten aktiv und wundert sich über den Menschen.

Wieso ist es, dass einige Menschen mit dem einfachen Alltag völlig überfordert scheinen? Ich will damit gar nicht sagen, dass der junge Mann das unbedingt war. Auch wenn er sicherlich den Eindruck erweckt hat. Aber man trifft doch immer wieder auf Menschen, bei denen man nicht anders kann, als sich zu fragen, wie man derart unbedarft sein kann, im Verständnis seines eigenen Körpers und desssen Haltung im Raum? Wieso sind einige Menschen scheinbar unfähig mit sich im Alltag umzugehen?

Tollpatschig sein, ist eine Sache. Oft geht sie einher mit dem, was ich meine. Aber das ist es nicht nur. Jeder kennt doch auch diesen einen oder anderen Menschen, der heillos an sich selbst zu scheitern scheint, als wäre so ein Körper eine unüberwindbare Barriere zur Bewältigung des Alltags. Oder ist es vielleicht nur Kopfsache?

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