Incredible India (Weltwärts Teil II)

Letzte Woche sind wir teilweise wortreich, natürlich aber auch sehr bildreich in dieses Abenteuer gestartet (lest den Prolog hier und Teil 1 hier). Das war alles noch nicht so weit weg, noch nicht verwirrend und vor allem noch wenig reflektiert, aber wir waren ja auch noch in Deutschland, noch nicht unterwegs in die Welt.

Das ändert sich jetzt, denn das Abenteuer beginnt…

Vieles davon, was du hier lesen wirst, sind originale Gedanken aus der Zeit, unverfälscht zweifelnd, naiv und selbstbezogen. Aber dafür sehr ehrlich…

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Mein Flugreise macht einen Zwischenstopp in Dubai. Soweit ich erinnern kann, war ich noch nie an so einem krassen Flughafen. Er ist so blitzsauber, glitzernd und gutriechend. Gutriechend? Jop, ich kann es nicht anders sagen. Es riecht frisch, rein, wie die Erfrischungstücher, die man manchmal im Flugzeug bekommt. In welche Richtung man auch läuft, Glamour und Luxus strahlen einem entgegen. Dieser Flughafen lebt Luxus.

Ankunft in Mumbai/Bombay, Ausstieg aus dem Flugzeug: ein Schlag ins Gesicht. Mir war in Dubai nicht weiter aufgefallen, dass es dort klimatisiert sein musste, so angenehm wie die Temperatur war, aber mir konnte nicht entgehen, dass das in Mumbai nicht der Fall war. Warme, stickige Luft mit einem leicht muffigen Unterton (von dem abgewetzten, rötlichen Teppich, über den wir vom Ankunftsareal zu den Schaltern geführt wurden?!) umwaberte mich. Das hier war kein Flughafen, der an die Verheißungen der großen Welt denken ließ. Das hier war ein altes Wohnzimmer, in dem man sich niederlassen und mit dem man sich arrangieren oder es lassen konnte. Eines, in dem man sich irgendwann zu Hause fühlen könnte oder eines, das man sich selbst auferlegt, in dem man wohnt, aber in dem man nie ganz ankommt… ?

Mumbai

Mumbai/Bombay

In Dubai hatte ich schon S1 (ich werde alle Namen meiner deutschen Kollegen so abkürzen, nacheinander lernt ihr dann noch S2, L, M und E kennen) getroffen. Sie sollte das kommende Jahr im gleichen Projekt arbeiten wie ich: Smile: Society Moved to Instill Love with Empathy.

Ich hatte sie auf unserem Vorbereitungsseminar schon kennen gelernt, aber wenig mit ihr zu tun gehabt. Wenn ich ehrlich bin, errinere ich wenig von ihr, nur dass ich auf Anhieb nicht das Gefühlt hatte, dass wir wirklich auf einer Wellenlänge sind, aber das muss ja nichts heißen.

Einreise in Indien

Einreise in Indien

Was hier so locker mit einem Stempel „Registration required within 14 days of arrival in India“ abgetan wird, ist ein riesiger bürokratischer Auffand, der uns zu Beginn einiges an Nerven gekostet hat, nicht innerhalb von 14 Tagen zu schaffen war und uns die Augen öffnete, dass unsere Unterkunft in der Paying Guest Accomodation bei einer Frau namens „Mani“ wohl illegal war. Jedenfalls weigerte sie sich partout, das für die Registration erforderliche Bestätiungsschreiben aufzusetzen, dass wir bei ihr wohnten.

1. Unterkunft: Paying Guest Accomodation Malabar Hill

1. Unterkunft: Paying Guest Accomodation Malabar Hill

 

Weitere Eindrücke aus den ersten Tagen/Wochen (Einblicke in mein Tagebuch):

  • „Is this noise ever going to stop?“ (??)
  • „I do hope it was the right decision to do this year. I am beginning to question my preparedness for it since I realised that I really am not a that flexible and tough person. Right now i just hope the days when I will feel familiar with my situation are coming soon. But I guess at that time I’ll be wishing fo the old days when everything was still new. People always want anytime but the present.“ (23.09.2010)
  • „Today (24.09.2010) I tried for the first time to do my laundry without a washing machine; just a tub, some water (not always warm), sope and my bare hands. Can’t say for sure that it worked. Can say for sure that it’s damn exhausting.“
  • „This evening Mani invited us for dinner. She cooked herself. It was mostly pretty delicious. After having given her the rent she was in such a good mood that she even payed 100 Rs (Rupees) for icecream, which we shared in front of the TV in her living room. For once a really good evening with her.“ (27.09.2010)

Ich, ich, ich. Ich lese immer nur ich. Hab ich mir eigentlich auch noch mal über was anderes Gedanken gemacht?

Fake-Bestätigung unserer Unterkunft

Fake-Bestätigung unserer Unterkunft

 

Nach vielem hin und her ziehen wir einige Wochen später schließlich in eine WG mit den 4 anderen deutschen VIA-Freiwilligen. Wir haben das sooo herbei gesehnt, endlich nicht immer nur zu zweit unterwegs sein. Endlich eine richtige Wohnung, sogar mit Waschmaschine und Luxus über Luxus: Klimaanlage in den Schlafzimmern.

Die Schlafzimmer… 2 Stück. Je ein Doppelbett und ein Einbauschrank. Jeweils zwei Mädels teilen sich ein Doppelbett. Für die 2 Jungs (E und M) ziehen wir los und kaufen Matratzen. So ist am Ende jedes Schlafzimmer bestückt mit einem Doppelbett und einer Matratze auf dem Boden. S2, M und ich teilen uns ein Schlafzimmer. Die anderen drei das andere. Wie sich später rausstellt zum Glück… (leider habe ich keine Fotos von der neuen Wohnung)

Inzwischen bin ich schon seit zwei Monaten hier und es fühl sich doch so an, als sei es erst gestern gewesen, dass ich zum ersten Mal indischen Grund und Boden betreten, zum ersten mal meine Nase in die manchmal nach faulen Eiern, manchmal nach Räucherstäbchen, manchmal nach Algen und salzigem Meer, manchmal nach Kuhdung meistens aber nach Abgasen riechende Luft Mumbais gestreckt habe. Noch immer überrascht mich die herrschende Mentalität oder die Selbstverständlichkeit mit der hier Unglaubliches vonstatten geht.

Arbeit

Ich arbeite bei der NGO Smile (Society Moved to Instill Love with Empathy), die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben der Straßen- und Slumkinder zu verbessern und unterprivilegierten Frauen zu helfen. Alles in Allem ist die Organisation recht klein, unser Office winzig und die Räumlickeiten quasi nicht vorhanden, aber das ist okay. Wie vielleicht zu erwarten war, muss man in Indien erst mal viel Geduld an den Tag legen. Viele Stunden sitze ich einfach nur herum, denke nach, lese oder plane etwas vor mich hin, dessen Umsetzung noch nicht mal in den Sternen steht. Oft erscheint es einem, als würde man überhaupt nicht gebraucht werden. Überraschung? Nein, eigentlich nicht, schließlich heißt es im Weltwaerts-Leitfaden eindeutig, dass man vor Ort Niemandem die Arbeit wegnehmen wird und nur zusätzliches Programm bieten soll. Anfangs ist das dennoch etwas gewöhnungsbedürftig.

SMILE - Society Moved to Instill Love with Empathy

SMILE – Society Moved to Instill Love with Empathy

Seit einigen Tagen habe ich jetzt auch eine Stunde Unterricht mit einer Gruppe von Kindern, die auf englische Schulen gehen und daher mehr oder weniger verstehen, was ich sagen möchte. Während die bisherigen Stunden eher aufs Kennenlernen und gemeinsame Spielen ausgelegt waren, wird der zukünftige Fokus auf einem Personality Developement Workshop liegen. Ich war zwar davon ausgegangen, dass ich Englisch und Mathe und so unterichten würde, das ist aber auch nicht schlecht, eigentlich sogar viel interessanter. Wann hat man sich vorher schonmal richtig intensiv mit Fragen von Disziplin, Respekt und Empathy auseinandergestzt? Überhaupt scheint es mir, als ob ich jetzt, da ich selber Lehrerin sein soll (und von den Kindern auch immer mit Miss angesprochen werde) mehr für die Schule tue als je zuvor. Da fängt man an, seine eigenen Leher von einder ganz anderen Seite zu sehen und weiß in Retrospektive gut vorbereiteten Unterricht zu schätzen. 🙂 Einen Wermutstropfen hat die Sache allerdings. Diese Stunde halte ich nicht alleine, sondern mit S1, Pragna und Sonali zusammen. Sonalis Aufagbe ist nur die Dokumentation der Stunden aber Pragna, S1 und ich sollten eigentlich zusammenarbeiten, was in der Theorie nicht schlecht klingt, sieht in der Praxis wie komplettes Nichtfunktionieren aus. Die Stunden sind von mir alleine vorbereitet und von mir alleine durchgeführt. Das ist schade, denn sie hätten einiges an Potential. Aber S1 kommt nur unregelmäßig zur Arbeit (sie scheint es für eine Zumutung zu halten, sich öfter als 3mal die Woche aus dem Zimmer und damit in die „feindliche, böse, dreckige indische Welt“ zu wagen) und Pragna (eine indische Frau, Ende 40, ich weiß nicht, was sie eigentlich macht) fragt immer nur mich was ich vorbereitet habe und was ich mit den Kindern machen möchte.

 

 

Weihnachten in Indien

Daneben steht gerade die Vorbereitung für die Weihnachtsfeier im Raum. Außer einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, sind zwar alle in der Organisation hinduistisch und nicht christlich, aber das hält hier keinen davon ab, Weihnachten zu feiern. Man ist ja schließlich weltoffen und ein Fest zu verpassen, nur weil es zu einer anderen Religion gehört, wäre ja auch eine Schande. 🙂

Am Tag des Weihnachtsfestes werde ich dann überrascht, dass meine Programmplanung überhaupt nicht hinkommt, weil unsere Kollegen die Kinder haben noch irgendwelche Sketche einstudieren lassen damit noch ein bisschen mehr Witz in die Angelegeneheit kommt, vor allem aber damit es auch ein paar hindisprachliche Programmpunkte gibt, weil nicht alle Eltern (genug) Englisch sprechen. Soweit hatten wir gar nicht gedacht. :-/

Nicht selten gab es Momente, da man sein vermeintliches Organisationstalent und sein Verständnis stark auf die Probe gestellt sieht. Bis wir uns durchgesetzt hatten, dass es nun mal kein Salsa, als traditionell deutschen Tanz zu Weihnachten (ähm was?!?!?) geben wird und keinen Brotpudding als traditionelles Essen (vielleicht flackert hier für euch ein kleines bisschen Erkenntnis bezüglich indischer Ländervorstellungen auf: Es gibt Indien, meistens noch China und dann noch England. Dazu gehört dann auch der Rest der Welt. Deutschland? Ja ja, sehr schönes Land, sehr sauber, sehr reich, gleich neben England. Ach da spricht man kein Englisch? Ja was denn dann? Deutsch? Und was sonst? Wie, nur Deutsch, kein Englisch? Aber das gehört doch zu Europa, England!), war der die letzte Woche vor der Feier bereits herangerückt. Alles in Allem hatten wir 5 Tage Zeit um ein Theaterstück, 4 unbekannte Lieder und 2 lange Gedichte mit „Performance“ einzustudieren und die Dekosterne und Girlanden zu basteln.

Am 25. sind morgens alle Kinder gekommen um beim Dekorieren zu helfen, stolz ihre Sterne und die Christbaumkugeln aufzuhängen, rumzuhüpfen und natürlich ein letztes mal zu proben. Okay, dass die Lieder immer noch durchsetzt waren von falschen Tönen und die Aussprache für das Theaterstück und die Gedichte ist natürlich alles andere als klar und gut verständlich. Aber -und das ist mir im Prozess der Proben aufgegangen- darum geht es auch überhaupt nicht.

Das ist nicht MEINE Weihnachtsfeier, die nur gut ist, wenn sie so und so ist, genauso wie in Deutschland eben, sondern deren Fest mit all den Änderungen und Kompromissen die sie brauchen. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe mit den Kindern, die aus dem Stolz über eine gelungene Aufführung und der Freude des Publikums größere Zufriedenheit und ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein ziehen, als die Straße oder auch ihr zu Hause ihnen oft geben können. Für die Eltern, die zwar selten verstehen was dort in Englisch gespielt wird (weswegen Sonali für sie anfangs immer erst alles auf Hindi erklärt hat), ist es wunderschön zu sehen, mit welcher Begeisterung ihre Kids vorm Publikum stehen und Feliz Navidad singen (das kannte hier keiner, ist aber zum Weihnachtslieblingslied avanciert, nachdem die Kids entdeckt haben, dass man das genauso laut und beschwingt grölen kann wie ihre Hindi-Lieder^^) oder alle gemeinsam We Wish You A Merry Christmas schmettern. Da muss keine der Mütter Englisch sprechen um zu wissen, dass ihre Kinder etwas ganz Besonderes sind.

Und ich? Ich habe gelernt, dass ich 5 gerade sein lassen muss, dass meine deutschen Perfektionswünsche in Deutschland bleiben müssen, dass ein gelungenes Fest nicht von einer fehlerlosen Vorstellung oder einem reibungslosen Ablauf abhängt und dass gute Organisation auch heißt, Arbeit abgeben zu können. Nicht selten stand ich wie der Ochs vorm Berg, wusste nicht, wo man diverse Dinge herbekommt oder wie ich die Probenzeit regeln und die Kinder zusammen trommeln sollte. Hätte ich mich seltener von der Sprachbarriere, die zwischen meinen Mitarbeitern und mir besteht, abschrecken lassen, hätte ich sicherlich viele sorgenreiche Stunden weniger gehabt. Aber –und das hat auch meine Chefin ungefähr tausend mal betont- ich darf hundert Fehler machen, solange ich aus ihnen auch hundert Erkenntnisse ziehe. Wieder einmal bestätigt sich, was wir schon lange wissen. Egal wie gut oder schlecht eine Erfahrung ist, egal wie viele Fehler man im Leben macht, am Ende des Tages gehören sie genauso zur Individualität meiner Persönlichkeit, wie meine Stärken auch, vielleicht ein kleines bisschen mehr sogar. Missen möchte ich sie jedenfalls nicht.

 

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Alltag

Ansonsten kann man sagen, dass ich mich hier gut einlebe und auch meinen Kulturschock überwunden habe. Am Anfang war mein Heimweh noch recht groß, das Entsetzen über das rüde Verhalten der Inder wenn es ums Zug oder Bus fahren geht grenzenlos und der dominierende Eindruck eine unglaubliche Reizüberflutung; Gerüche bzw. nicht selten Gestank, Farben, erschlagende Hitze, Lärm und Menschen über Menschen. Inzwischen hört man nicht mehr nur die hupenden Taxis, Rikshas und Busse, sondern Vogelgezwitscher und Kinderlachen dazwischen, riecht nicht mehr nur Abgase und Müll, sondern die nach Jasmin duftenden Blumen in den Haaren der Frauen, merkt geringe Temperaturunterschiede und lernt diese zu schätzen, ist begeistert von den bunten Saris und den Salwar Kamiz‘, die in allen Farben des Regenbogen leuchten und Glitzern und Funkeln wie die Sterne in der Nacht. Nur die Menschen, die werden nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Jeden Tag ziehen zwischen 500 und 1000 weitere Wirtschaftsflüchtlinge in die Metropole Bombay, wie Mumbai hier immer noch von Allen genannt wird. Die Kunst ist es, sich mit diesen drückenden Massen zu arrangieren, einen Platz (das meint natürlich einen Stehplatz für ein Bein oder zumindest die Zehenspitzen^^) im Zug zu bekommen, ohne seine gute Erziehung in Sachen Höflichkeit in den Wind zu schießen und auf der Straße einen kleinen Weg zum Laufen zu finden. Zu den Stoßzeiten, da sich die indische Arbeiterarmee, zu der ich nun gehöre, ins Zentrum ergießt bzw. zur Abendzeit von da aus die Völkerwanderung zurück in die Vororte beginnt, ist es fast unmöglich durchzukommen. Als Frau hat man allerdings einen unglaublichen Vorteil. Im Bus gibt es nur für Sie reservierte Plätze, im Zug sogar ganze Abteile.

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In aller Regel kann Frau dort stehen, atmen und überleben. 🙂 Was man für die Männerabteile nicht sagen kann. Während sich E. damit zufrieden gibt im 1. Klasse-Abteil schwarz zu fahren und bisher auch nicht erwüscht wurde, hält sich M. an seine Klasse und arrangiert sich damit, an der Zugaußenwand mitzufahren, mit dem halben Fuß gerade noch so am äußeren Rand des Trittbretts. Wann immer eine Pfosten angesaust kommt oder ein anderer Zug vorbeirauscht, drängt sich die Menschentraube, die sein
Schicksal teilt, dichter zusammen, dichter an den Zug ran um soviele Zentimeter wie möglich zwischen sich und den sicheren Tod zu bringen. Selbst wenn kein Hindernis in Sicht ist, sind 20 Minuten Fahrt auf diese Weise ein wahres Abenteuer und die Finger und Arme, die nicht selten die einzige Sicherung darstellen und sich verzweifelt an einer rillenförmigen Appliaktion am Zug festkrallen, sind danach erschöpft wie nach einem Besuch im Fitnessstudio. Indien pur.

Am heimischen Bahnhof in Bandra angekommen, bietet sich einem ein Bild des Chaos. Man läuft die Treppen zum Skywalk hinauf um sich Richtung zu Hause zu bewegen und lässt unter sich die Slums vorbeiziehen. Unter mir brennt der Boden (hin und wieder zünden die Slumbewohner die Müllberge an, damit sie nicht zu hoch werden und über ihre Wellblechhäuser wachsen) aber ich gehe in aller Seelen Ruhe meiner Wege. Der Skywalk bietet auch den schlichten Vorteil, dass man sich nicht mit den Rikshas um den Platz streiten braucht und nicht entsetzt zurückspringt sobald es hinter einem hupt. Am Anfang bin ich immer vor Schreck in die Luft gesprungen und hab aufgeschrien, jetzt laufe ich auch nur noch entspannt weiter. Was Räder hat, hat in aller Regel auch
Bremsen.

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Schaut man auf dem Weg nach links, so sieht man noch mehr Wellblechhütten, einige bis zu 4 Stockwerke hoch und oben auf den Dächern stehen die Kinder und Jugendlichen und lassen Drachen steigen. Gäbe es nicht noch Kricket, wäre das der Nationalsport. Hunderte Kinder rennen aufgeregt hin und her, lassen ihre Drachen, die je nach Wetter- und persönlicher Stimmungslage wie bunte Träume im Wind oder graue Fetzen Hoffnung aussehen, im Wind segeln und freuen sich, dass es gar nicht mehr lange ist, bis zum nationalen Kite Flying Day im Januar ist. Ja, den gibt es wirklich.

Ein Anfall von Überheblichkeit?

Inder sind wie Kinder
Das bezieht sich auf sowohl Individuen, verschiedene soziale Schichten, aber auch auf die übergreifende Mentalität. Bei einigen Ausstellungen, auf denen ich zwecks der Repräsentation meiner NGO war und die für gewöhnlich nur von der High Society besucht werden, ist mir aufgefallen, dass die Damen der Oberschicht fast ausschließlich das Bedürfnis zu haben scheinen sich stärker zu bemalen und krasser zu kleiden als nötig. So wie eine Dreizehnjährige versucht älter auszusehen indem sie sich stark schminkt und das kurze Kleidchen der 20-jährigen Schwester anzieht, so gebärden sich die 30-jährigen Frauen dieser Schicht; bemalt, als ginge es zur Fastnacht und bekleidet als würden sie die Nacht im Club durchtanzen mit Ausschnitten tiefer als der Marianengraben und Röcken wie die berühmt berüchtigten Gürtel, kommen sie zu Wohltätigkeitsveranstaltungen und Ausstellungen nur um zu zeigen, wie fortschrittlich, wie modern sie sind, dass sie sich nicht von uralten Traditionen gefangen nehmen lassen sondern frei sind zu tun und zu tragen was sie wollen…. Und dabei übers Ziel hinausschießen, zumindest für meinen Geschmack.

Ja, während man versucht erwachsen zu sein, will man aber auch den Spaß, den man als Kind hatte, nicht verlieren. Hier ist fast alle zwei Wochen irgendein Festival. Zugegeben, dass ist zu großen Teilen der religiösen Diversität geschuldet, aber auch der Begeisterung, mit der hier gefeiert wird. Richtig ausgelassen sein ohne darauf zu achten, was andere denken mögen, wie man aussieht oder dass man die Zeit, die man gerade verplempert besser nutzen sollte, das können nur, Kinder, Betrunkene und Inder.

 

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Aber wehe, man nimmt sie deswegen nicht ernst, gesteht ihnen zum Beispiel keinen wichtigen Platz auf dem Weltmarkt zu. Dann wird auf den Boden gestampft und aufgeheult, dass man China, das ewig bessere, weiter entwickelte China schon noch überholen würde. Man habe schließlich das größere Potential, die jüngere Bevölkerung und den größeren Willen. Und so sei es nur eine frage der Zeit, bis Indien ganz oben mitmischen würde… und so weiter und so fort.
Wie ein Mensch in seiner Pubertät (und möglicherweise weit darüber hinaus) befindet sich Indien auf der Suche nach sich selbst, seiner Identität und seinem Platz in der Welt, im konstanten Versuch, seine glorreiche Vergangenheit mit einer ungewissen Zukunft in Einklang zu bringen, seine Traditionen und den Wunsch nach Freiheit und Innovation. So bunt wie die Saris der Frauen, so bunt ist auch Indien. Es ist ein gigantisches, lebendes Puzzle, dessen Teile sich zusammenfügen, vermischen, Eins werden und wieder auseinander driften, facettenreich und ständig in Veränderung begriffen, manchmal, so scheint es, mit dem einzigen Ziel Fremde, die Verständnis suchen, nur noch mehr zu verwirren und vielleicht einfach als weiteres Puzzleteil im Chaos zu verschlucken.
Dieses große Bild ohne fehlende Teile, ohne Verzerrungen und Trübungen zu erkennen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Unvorhersehbar, unregelmäßig, sprunghaft.
Es gibt zwei weitere, viel weniger subtile Punkte, die mich denken lassen, dass dieses „Völkchen“ etwas Kindhaftes an sich hat. Wobei an dieser Stelle ausdrücklich darauf verwiesen sein soll, dass ich schließlich ein Kind Deutschlands bin und daher vielleicht oder eigentlich ganz sicher andere Denkmuster als Menschen anderer Nationalitäten anwende.
Man möchte meinen, dass Einem ab einem gewissen Alter klar wird, dass das eigene Handeln und auch Nicht-handeln Konsequenzen hat. Hier ist das ein unbekanntes Konzept. Nehmen wir das Drängeln beim Zug oder auf der Straße als Beispiel. 
Ein Inder schupst einen anderen, rammt ihm den Ellenbogen in den Rücken um selbst Platz zu haben und macht es sich auf dem eroberten Gebiet bequem. Verwundert sieht er, dass nicht weit von ihm ein Mensch auf dem Boden liegt. Was der dort wohl macht? 
Das ist das Szenario, wie der aktive Inder es erlebt. In meiner Beobachterperspektive nehme ich das etwas anders wahr:
Ein Inder schupst einen anderen, rammt ihm den Ellenbogen in den Rücken um selbst Platz zu haben, wobei der zweite Inder auf die Straße stürzt und sich verletzt. Der aktive Inder macht es sich bequem und schaut verdutzt auf den anderen hinunter.
Das es einen Zusammenhang zwischen Aktion und Reaktion gibt, dass ein bestimmtes Verhalten ein Ereignis in Gang setzt, dass scheinen von außen betrachtet völlig unbekannte Ideen zu sein.
Der zweite Punkt, von dem ich erzählen wollte, zielt auf etwas ähnliches ab. Ihr kennt doch sicherlich diese Spielzeuge für Kleinkinder, bei denen bestimmte Formen, etwa eine Kugel, ein Stern, ein Quadrat durch die dafür vorgesehenen Löcher in einen Eimer befördert werden sollen. Kinder probieren dabei solange aus, bis es klappt. Sie haben ja noch keine Vorstellung von Formen, Größen und Maßen. Setzt man ein etwas älteres Kind davor, wird es sich die Teile anschauen und dann ohne Probleme in die dafür vorgesehenen Öffnungen schieben. Anschauen, überlegen, handeln. Man möchte meinen, das sei selbstverständlich.
Oh wie wurde ich eines Besseren belehrt. Hier wird alles, was durch ein bisschen Nachdenken gelöst werden könnte, nach dem Prinzip Versuch und Irrtum angegangen.
Ein Beispiel gefällig? Als wir eines abends nichts ahnend nach Hause kamen war unsere Küche bis unters Dach mit Sesseln und Sofas vollgestellt. Davor steht freudestrahlend unser Vermieter und verkündet stolz: „Morrre sitting. Verrry nice couch. Verry nice. Here look, verrry nice. Verry nice couch.“ (Unser Vermieter und im Übrigen die meisten andern Inder, die ich bisher getroffen habe, haben die Angewohnheit alles dreimal zusagen, vielleicht glauben sie, dass wir es dann besser verstehen.) Neben ihm stehen zwei Männer, die die ultra schweren Brocken nun hin und her bewegen sollen. Nach dem sie mit Couch und Sessel erfolglos gegen den Durchgang gerannt sind, stellen sie fest, dass es nicht klappt. Also wird alles wieder durch die Hintertür nach draußen geschafft, ums Haus herum und durch die Vordertür… Oder auch nicht, nach erneutem erfolglosen Dagegenrennen, werden die Gitterstäbe vorm großen Wohnzimmerfenster abgeschweißt um alles da hindurch zu hiefen. Nach den ersten 5 Stäben, entscheiden sie, dass es zu viele sind, machen alles wieder fest, tragen die Möbel (immerhin zwei große Sofas und 2 fast eben so große Sessel) wieder zurück ums Haus und in die Küche, erzählen irgendetwas und verschwinden. Nur um am nächsten Tag, mit DER ultimativen Lösung zu kommen. Sie würden die Sicherheitsstäbe vor einem der Schlafzimmer entfernen und dann dort alles rein, durch den Gang und ins Wohnzimmer befördern. Erstaunlicherweise hat das sogar geklappt sieht man von dem zerschlagenen Waschbecken im Durchgang ab. 🙂

Probleme 1

Die letzten Wochen war ich schlecht gelaunt, genervt und sauer. Und dieser wenig wünschenswerte Zustand hielt für meine Verhältnisse ungewöhnlich lange. Statt der üblichen drei Minuten^^ eher so gegen drei Wochen. Viele Stunden habe ich damit zugebracht, darüber nachzudenken, es zu analysieren und eine Lösung zu suchen. Bisher erschien es mir unangebracht davon zu berichten, immerhin will man niemandem Sorgen machen oder ihn verunsichern oder seine Vorstellungen von einem Land, in dem viele noch nicht waren, negativ beeinflussen. Fakt ist aber, dass all diese Aspekte, die ich euch jetzt schildern möchte, genauso zu meinem Leben dazu gehören und es täuschend wäre, nur von den Wundern und dem schönen Bunten zu berichten. Das Abschreckende, Traurige, Anstrengende und Nervige gehört genauso zu diesem Abenteuer, das da heißt: Ein Jahr Indien – wohnen, leben, arbeiten.

Aber keine Sorge, ich möchte schon einmal vorweg nehmen, dass, was auch immer ihr jetzt lesen werdet, diese Stadt es immer schafft, einen wieder mit ihr zu versöhnen, einen zu begeistern und am Ende wieder zu erfreuen. Manchmal braucht es nur ein bisschen Zeit, bis man seine Balance wieder gefunden hat. 😉

Zugegeben, es hilft auch, Besuch aus Deutschland zu bekommen, der einen festgefahrene Gedankengänge noch einmal hinterfragen lässt (danke Jana). Mir war gar nicht bewusst, wie sich gewisse Denkmuster schon völlig festgefahren haben und wie ich mich selbst durch sie verändert habe und -das muss man leider sagen- nicht nur zum Guten. Aber davon später mehr.

 

Im Geschäft
S1 und ich hatten ein Gespräch mit unserer Chefin. Sie wollte sehen, was wir so vorbereitet haben, wenn wir zu Hause arbeiten. An sich ist das kein Problem, hat sie ja von Anfang an gesagt, dass sie das will. Aber wie so oft, der Ton macht die Musik. Es wirkte ein bisschen offensiv. Na mir war es egal, ich hatte zwar nicht meine gesamte Dokumentation dabei. Aber meinen Block mit den Aufschrieben für meine Unterrichtsstunden, die CD, die ich für die Weihnachtsfeier zusammengestellt habe und die Notizen für selbige, konnte ich schon vorweisen. S1 leider nicht. Gut, in aller Regel macht sie ja auch in der Zeit nichts. Und die paar gebastelten Sterne, die sie mal vorbereitet hat, hatte sie auch nicht dabei. Sah nicht so gut  aus… Angriff ist die beste Verteidigung hat sie sich wohl gedacht und ist erst mal in die Offensive gegangen. Das End vom Lied war, dass sie und meine Chefin Stress hatten, beide laut geworden sind, Anaxi S1 erst ungewollt runtergeputzt und ihr dann offen gesagt hat, dass sie vielleicht nicht die richtige für SMILE sei, wenn sie so schnell aggressiv werden würde und keine Kritik vertragen könne.

Ich fand das Gespräch auch nicht super. So wie es geklungen hat, haben wir/habe ich nach der Weihnachtsfeier nichts mehr zu tun, außer vielleicht hin und wieder Büroarbeit. Den Personality Development Workshop können wir anscheinend auch nur geben, wenn die Kinder Ferien haben, weil sie sonst zu den Tuitions müssen oder so. Anaxi hat uns ganz offen gesagt, dass wir ja noch 9 Monate hier sein und sie gar nicht wüsste, was sie mit uns machen solle und dass sie sich über unsere deutsche Organisation wundere, die uns nur in eine NGO schickt, statt jeden Monat in eine neue… Mhh, alles gerade ein bisschen konfus. Na mal abwarten, vielleicht klappt das ja doch noch alles. Hoffentlich.

In der WG
Irgendwie bin ich trotz dieses Gewühls aus Eindrücken in einem Trott angekommen. Morgens aufstehen, ins Leben kämpfen, ins Geschäft fahren, rumsitzen, nach Hause fahren, einkaufen, kochen, in die Wohnung gehen und mich ins klimatisierte Zimmer bewegen. Schlafen. Naja meistens nicht schlafen. Das Bett ist gefühlt härter als der Boden und es gibt Nächte, in denen ich weniger als 5 Stunden, manchmal gar nicht schlafe. Ungefähr jeden Tag so. Darum schlafe ich dann am Wochenende, wenn ich schlafen kann. Aber halt den ganzen Tag. Ernsthaft, ich bin in einem anderen Land und verspüre momentan keinerlei Drive mich mit dem Kampf da draußen auseinanderzusetzen. Andererseits, drinnen in der Wohnung herrscht auch ein Kampf. Wer hätte gedacht, dass ich nach Indien gehe und eins der größten Probleme meine deutschen Mitbewohner sein werden? Ist aber so. Klar wir teilen uns alle sehr wenig Raum, haben keine eigenen Zimmer und können uns nicht aus dem Weg gehen. Ich war jahrelang auf einem Internat, hab mir die meiste Zeit auch ein Zimmer geteilt, war immer der Auffassung, dass ich mit jedem klarkommen könnte und hätte nicht im mindesten gedacht, dass mir das Probleme bereiten würde. Aber weit gefehlt. S1 macht mich völlig wahnsinnig und fördert all meine schlechtesten Eigenschaften zutage. Ich wusste nicht, dass man einen Menschen so ablehnen kann. Und ich wusste nicht, dass ich selbst so hässlich sein kann. Wenn wir wieder aneinander geraten sind, lasse ich sie gnadenlos auflaufen. Argumentativ hat sie null Chance gegen mich und ich lasse sie das bei jedem Streit spüren. Im Nachhinein tut es mir leid, nicht weil sie mir leid tut, so groß wird der emotionale Abstand zur Sache nie, nein, weil ich entsetzt von mir selbst bin, dass ich so ein Verhalten an den Tag lege, dass ich mich dazu hinreißen lasse, so unterirdisches Verhalten an den Tag zu legen.

Die Stellung der Frau
Um dieses Thema ausreichend zu erörtern müsste ich wohl ein Buch schreiben. Hier nur ein kurzes Erblenis, das viel zu meinem Unmut beigetragen hat.

Die folgende Szene spielte sich abends, auf dem wenig ausgeleuchteten Skywalk ab. S1 und ich sahen wie zwei Männer eine zusammengesunkene Frau anschrien, ihre Fäuste gegen sie erhoben und einen Aufstand zelebrierten, als ob sie ein Tabu der schlimmsten Sorte gebrochen hätte. Der folgende Dialog verlief ziemlich genau wie folgt, auch wenn ich der Verständlichkeit halber die gröbsten sprachlichen Fehler korrigiert habe:

WIR: „Why are you hitting this woman?“
MANN 1: „Please Mam, go.“
WIR: „Why are you hitting this woman???“
MANN 1: „Please Mam, just go.“
WIR: „WHY ARE YOU HITTING THIS WOMAN??“
MANN 1: „She is my wife.“
WIR: „So?“
MANN 1: „She has not been available all day.“
WIR: „What??“
MANN 1: „Yeah, she left the house in the morning and did not come back till now, till 10 in the evening.“
WIR: „Well but that’s no reason to hit her.“
MANN 1: „Just go Mam.“
WIR: „Please don’t hit her. Just stop hitting her.“

So ging das noch eine Weile weiter, bis der Sprecher, seine (vermeintliche??) Frau und (vermutlich) sein Bruder abgezogen sind und uns aufgewühlt und empört stehen ließen. Von solchen Dingen hört man, (wenn man sich mit Indien beschäftigt), liest und sieht sie in den Nachrichten. Aber in den ganzen vier Monaten meines Aufenthaltes hier, ist mir das noch nicht so direkt, so unvermittelt, so drastisch wirklich passiert. Jetzt 3 oder 4 Wochen danach, weiß ich immer noch nicht was ich davon halten soll. Habe immer noch tausend Fragen im Kopf: Was hätte ich besser/anders machen können und sollen? Was sind meine Überzeugungen wert, wenn sie nicht zu konkreten Taten führen? Und wie hätten den diese aussehen sollen? Was sind denn meine Überzeugungen überhaupt? Sind sie vielleicht nur anerzogene Denkweisen oder doch wirkliche Prinzipien? Es war so eine groteske Situation. Diese zwei Männer, eine weinende Frau und wir davor. Und während wir noch mit ihnen gesprochen haben, habe ich im Kopf überschlagen, wie wahrscheinlich es ist, dass sie in unserer Nähe wohnen, wie risikoreich mehr zu wagen, als nur den Mund aufzumachen. Andererseits was hätte ich viel mehr machen, viel mehr sagen können? Die Polizei rufen?? Ein trockenes Lachen, dass im Hals stecken bleibt.

Danach war ich einigermaßen verstört, wenn auch nicht in dem Maße, wie ich es hätte sein sollen. Nach ausführlichen Gesprächen mit M., der froh war, dass ich in dieser Situation meine eigene Sicherheit nicht vergessen habe, bin ich mehr oder weniger sicher, dass ich nicht viel mehr hätte tun können. Aber das Gefühl der Enttäuschung bleibt…

Beglotzt, begafft und angestarrt
Mumbai, die kosmopolitischste Stadt Indien… Joah, wenn dem so ist, bin ich gespannt, was auf den Dörfern auf mich zukommt.

Vorbeifahrende Autofahrer drehen sich noch drei Mal um und dass von denen noch keiner einen Unfall gebaut hat, während er sich nach uns Weißen umdreht, grenzt an ein Wunder. Halbstarke Jugendliche schlendern grölend an uns vorbei, machen Kommentare und Gesten, die man bei uns im besten Fall als obszön, in schlechteren als schlicht beleidigend bezeichnen würde. Wenn ich im Bus sitze, werde ich von der Ladefläche des neben uns haltenden „Goods Carrier“ von zwei Arbeitern in abgetragener Kleidung mit Handykamera (!!! Indien ist absolut Handy verrückt) und vor Betelsaft tropfenden, zu manchmal fast irr anmutenden Grinsen verzogenen Mündern fotografiert. Auf der Bootstour nach Elephanta Island unterhält man sich nett mit ein paar Mädels, die, wie sollte es anders sein, 5 Minuten später mit der ganzen Familie vor einem stehen und ein Erinnerungsfoto schießen wollen. Selbst im Museum wurde ich schon gefragt, ob man sich mit mir ablichten lassen könne. Das allerdings so höflich, dass man damit einfach kein Problem haben konnte. Wenn man nur kurz was besorgen oder unbehelligt unterwegs sein möchte, kann das schon anstrengend werden, zumal es manchmal auch zu recht dreisten Szenen kommt (man wird vielleicht noch fast höflich gefragt, ob sich die zwei Männer mit einem fotografieren könnten, bekommt dann aber schneller als man schauen kann, einen Arm fest um die Schultern gelegt und einen versuchten Kuss auf die Wange gedrückt). Aller in Allem muss man sich wohl aber damit arrangieren, dass man eine Mischung aus Star und Zootier (eklig bis anregend interessant, je nach Sichtweise des Betrachters) ist. Zu einem großen Teil, und das darf man niemals vergessen, ist das einfach Neugier und die sollte man nicht unterbinden wollen. Dass ich für viele, wenn auch sicherlich nicht alle oder auch nur die Mehrheit, wenig mehr als eine weiße Schlampe bin, ist von Zeit zu Zeit jedoch durchaus irritierend. Da hilft es nicht einmal bei 30° lange Hosen und Pullis oder traditionell einen Salwar zu tragen. Eine weiße Frau… das sagt alles oder?

Grapschen und anderer „zufälliger“ Körperkontakt
Da ich im Zug immer im Frauenabteil fahre und im Bus häufig einen der für Frauen reservierten Sitzplätze bekomme, konnte ich den hier angeblich recht verbreiteten „aus Versehen“-Körperkontakt, bei dem Mann sich an Frau schmiegt, weil ja so wenig Platz ist, vermeiden. Bisher kenne ich das nur aus Büchern.
Offen angegrapscht, wurde ich bis jetzt erst einmal. Das ist uns Mädels allen schon passiert. Sogar einem unserer männlichen Mitbewohner. Auch wenn das natürlich ungleich seltener passiert. Leider scheint sich das nicht gänzlich vermeiden zu lassen obwohl ich mit meiner Kleidungswahl doch um einiges besser fahre als die anderen Mädels, die relativ häufig von Belästigungen berichten. Hier muss hinzugefügt werden, dass von ihnen, auch wenn das für das Verhalten der Männer keinerlei Entschuldigung ist(!!!), kein Interesse daran gehegt wird, die engen Jeans und ausgeschnittenen Tops gegen angemessenere Kleidung zu tauschen. Wie gesagt, keine Entschuldigung, aber sicherlich eine Erklärung.

Käfernudeln und Mindesthaltbarkeitsdaten
Lange Zeit war ich ziemlich entsetzt, dass die Kekse, die ich im Supermarkt kaufe, jedesmal abgelaufen waren. Ich habe wirklich langsam daran gezweifelt, ob es überhaupt Produkte gibt, die noch innerhalb des Mindesthaltbarkeitsdatum sind. Bis mir irgendeiner gesteckt hat, dass das vermutlich kein MHD ist, sondern das Verpackungsdatum. Öhm, könnte Sinn ergeben. Aber ernsthaft, da bin ich nicht früher drauf gekommen. :O

Was noch viel, überraschender ist, sind die Käfer, die sich bisher in jeder (!!) der eingeschweißten Nudelpackungen befunden haben. Sie sind ziemlich klein und die Nudeln haben gebogene Hohlräume weswegen es nicht einfach ist die Krabbeltiere heraus zu sammeln. Ich bin ein Star, holt mich hier raus?! Na was solls, habe gehört, die Viecher sollen reich an Proteinen sein, also rein damit. Lange genug gekocht ist es auch wahrscheinlich, dass sie tot genug sind um sie zu essen. 🙂

Gesundheit
Ich wage mal die weit hergeholte Vermutung, dass oben beschriebene Umstände ein Grund sein könnten, warum man hier verhältnismäßig viel öfter mit Bauchschmerzen zu kämpfen hat als zu Hause. Dass die Straßenstände verdauungstechnische Probleme verursachen können, ist wohl allgemein bekannt. Was hätten wir noch? Och ja, Smog und Abgase, die einem genau ins Gesicht gepustet werden, wenn man zu Fuß unterwegs ist oder in der Rikshah sitzt. Und last but not least: Betten, die aus einem Brett und einer 5 cm Matte bestehen und so hart sind, dass man so ausgeprägte Rückenschmerzen hat, dass man Atembeschwerden bekommt. Zum darauf herumhüpfen eignen sie sich auch nicht. Kann ich euch wirklich nicht empfehlen.

Erwartungen
Nach dem Abitur war ich sicher, dass ich absolut keine Erwartungen an mein Auslandsjahr hatte, dass ich alles auf mich zukommen lassen würde gänzlich ohne den Fehler zu machen, Erwartungen zu haben, die enttäuscht werden konnten. Zu einem Großteil traf das auch zu, ich hatte keine Vorstellung von dem, was auf mich zu kommen würde und noch viel weniger konkrete Infos. Aber, und das hätte ich wissen sollen, man hat immer, IMMER Erwartungen, viele davon vielleicht zu selbstverständlich als dass man sie bedenken würde aber man hat welche. Und auch diese können enttäuscht werden.

Indien – das Land der Gastfreundschaft… Bisher habe ich das leider nur wenig erlebt. Zugegeben, wenn man eine Frage stellt, wird diese in den allermeisten Fällen beantwortet (beileibe nicht immer, manchmal wird man auch nur angeschaut und dann weiter ignoriert) aber das würde ich in Deutschland auch erwarten. Generell hätte ich mir es einfacher vorgestellt hier Freunde zu finden, eine Verbindung zu diesem Land aufzubauen und das, ist bisher leider gar nicht der Fall. Von 2 von den Frauen aus meiner NGO wurde ich zwar schon nach Hause eingeladen um mit ihrer Familie Navratri zu feiern oder zu Abend zu essen. Das waren mit die zwei besten Momente, die ich hier hatte, als diese Einladungen ausgesprochen wurden. Leider, so musste ich erfahren, ist es mir nicht gestattet eine persönliche Verbindung oder eine über die Arbeit hinausgehende Beziehung mit den Frauen oder auch Kindern zu haben. Das verstößt gegen die Firmenpolitik von Smile. Na toll.

Eine Frage und ihre (vorläufig unzureichende) Antwort

Ich wurde von euch gefragt, ob ich es bereue mich für ein Auslandsjahr noch dazu in Indien entschieden zu haben. Ja, ja jeden Tag.
Es gibt Tage, da ist man unglaublich genervt von Land und Leuten und fragt sich, in welchem Zustand geistiger Umnachtung man sich eigentlich dafür entschieden hat, hierher zu kommen. Wo war die letzte Unze Verstand als man sich dachte: „Ach ja, Indien. Das ist ein Land für mich. Da sind auch immer alle zu spät, da wird viel Tee getrunken, es ist hübsch bunt und alles ist genauso chaotisch wie in meinen Gedanken…^^.“ Joah, damals dachte ich ja auch noch, ich sei nicht typisch deutsch, immer gut gelaunt und anstrengende Mitbewohner könnten mir nach 6 Jahren Internat nichts mehr anhaben. Früher oder später belehrt einen das Leben aber doch immer eines Besseren.

Und nein, absolut nicht. Es hat keiner gesagt, dass es hier leicht werden würde, und ganz ehrlich, ich wäre enttäuscht, wenn es das wäre. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht einmal genervt ist, an sich und seinen Fähigkeiten zweifelt oder sich fragt, wie es zu Hause wohl gerade ist. ABER das muss es auch nicht. Oft genug denke ich auch, dass ich es hier viel zu einfach habe. Wenn mich was mega stört, dann hab ich immerhin M. ums auszudiskutieren, kann mit meiner Familie (oder meinem Weltretter ;-))telefonieren, bekomme Unterstützung von euch, habe Internet, kann mich in ein hübsches Café verziehen, habe genug Geld um mir mehr Bücher zu kaufen, als ich lesen kann… Meine Limits sind noch lange nicht erreicht. Ich war immer der Meinung, dass jede Erfahrung, wie gut oder schlecht (besonders diese) sie auch sein mag, zu unserer Entwicklung beitragen, uns prägen und lernen lassen. Es soll schwer sein, es soll fordern, es soll mich zweifeln lassen und vor unangenehme Fragen stellen, und danach ist es um so schöner, wenn die guten Dinge wieder den Ausgleich schaffen, den Glauben an die Menschen wieder herstellen und in naiver Unwissenheit postulierte Gedanken sich als richtig bestätigen. Wir ziehen mit unseren 18 Jahren in die Welt hinaus, um sie kennen und besser verstehen zu lernen, und dabei ein Stück erwachsener zu werden…

 

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Wow, längster Post, den ich jemals verfasst habe. Leider konnte ich nicht so viele Bilder unterbringen wie ich wollte. Da muss ich mir noch was überlegen.

Wenn du tatsächlich bis hier runter gelesen hast, zieh ich meinen Hut und verneige mich vor dir. Ein riesen Daaaaanke!

Wenn du Teil 1 oder den Prolog verpasst hast, dann schnell zurück und nachlesen. 😉

Ein Gedanke zu “Incredible India (Weltwärts Teil II)

  1. Zwei Gedanken:
    Nummer 1 zu dem „Team“ das den Unterricht vorbereiten soll:
    Dass die deutsche Kollegin ein Griff ins Klo war, kann überall passieren. Runterschlucken. Weiter gehts. Üblich ist jedoch, dass, wenn man als Deutsche(r) / Weiße(r) in die Länder der sog. Dritten Welt geht, immer als Experte für alles angesehen wird. Wenn wir die Lösung für Probleme nicht kennen, wer dann? Wir haben doch für alles das Patentrezept. Dass wir (Studenten, FSJler etc) zum Lernen kommen, das vergessen bzw. wird all zu oft gerne vergessen.
    Emanzipation vom Kolonialismus ja – aber mur wenn uns ein Weißer zeigt wies geht….. (bewusst übertrieben formuliert)
    Nummer 2 zu der Situation auf dem Skywalk mit der Frau und den zwei Männern:
    In solchen Situationen werden Unterschiede am krassesten deutlich. Natürlich bringen wir mit unserern abendländischen Denkstrukturen von Achtung und Würde gg jedem (man möge das aktuell oft bezweifeln) eine Erwartungshaltung mit, die sich im nichteuropäischen Kontext gar nicht erfüllen kann. Das lähmt. Mist, meine Verhaltensmuster funktionieren nur im europäischen Kontext! Natürlich verstört das. Muss es auch. Eine Patentlösung für solche Situationen? Gibt es nicht.
    Das Wichtigste ist die Aufklärungsarbeit der Entsenderorganisation. Auch dann lässt sich so etwas nicht vermeiden, aber möglicherweise das lähmende Gefühl in solchen Situationen verringern

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