5 Jahre nach Weltwärts – ein Resumee

Inzwischen ist mein Weltwärts-„Abenteuer“ schon ein paar Jahre her und mich selbst nochmal in die Zeit zurück zu versetzen, zurück zu denken, Bilder anzuschauen und den Versuch zu unternehmen, Gedanken und Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse durch meine Worte für einen anderen erlebbar zu machen, war sehr seltsam. Und ein bisschen beängstigend. Aber dazu später mehr.

Bevor ich zu meinem persönlichen Resumee komme, lass uns einen Blick auf die durchaus berechtigte Kritik an diesem Programm werfen.

Kritik

Grob könnte man kritische Punkte in drei Kategorien unterscheiden: finanziell, politisch und gesellschaftlich. Immer wiederkehrende Sätze klingen in etwa so:

Gerne wird auch darauf verwiesen, dass es sich im Wesentlichen um eine Horde Grünschnäbel handelt, die selbst keine Ausbildung außer ihrem Abitur haben, keine Erfahrung mitbringen und zudem auch noch pädagogisch betreut werden müssen. Ein Abenteuer-Urlaub/Selbstfindungstrip mit Rückhol- und Händchenhalt-Versicherung.

Eine kurze Google-Suche ergibt unzählige Ergebnisse (einen interessanten Dreiteileier findet ihr auch auf dem Bildungsblog der jungen Generation und einen überaus kritischen aber wirklich lesenswerten Beitrag über die durch Weltwärts weiter getragenen kolonialen Strukturen liefert nowestversusrest) zum Thema Kritik an Weltwärts. Unterhält man sich mit Rückkehrern und Bekannten von diesen, muss man feststellen, dass nicht selten ihrerseits viel Kritik geübt und bestätigt wird.

Überall steht also die Kritik am Programm im Raum und ich will diese weder meinerseits nochmals einzeln durchkauen noch in irgendeiner Weise minimieren oder relativieren. Auch wenn die Formulierungen teils polemisch oder vereinfachend sind, treffen sie wunde, valide Punkte.

Es stimmt, dass es in der Mehrzahl junge Menschen nach dem Abitur sind, die in aller Regel keine fachlichen, speziellen Qualifikationen mitbringen. Und es stimmt sicherlich auch, dass das keine Entwicklungszusammenarbeit bzw. -hilfe im klassischen Sinn ist. Daher ist es berechtigt anzuzweifeln, warum dieses Projekt aus dem Entwicklungshilfetopf des deutschen Staates bezahlt werden sollte.

Allerdings versteht sich das Projekt eben auch nicht als Entwicklungshilfe im herkömmlichen Sinne (was immer das sein mag und welche Kritik es daran wiederum geben mag) sondern als Investition in die Zukunft, eine Investition in die Menschen, die langfristig entscheiden werden, wie sich dieses Land, speziell in diesem Kontext seine außenpolitischen Beziehungen und das globale Miteinander entwickeln sollen.

Und selbst vor diesem Hintergrund lassen sich Kritikpunkte en masse finden:

  • Dass dafür die pädagogische Betreuung und Reflexion wiederum nicht ausreichen würden.
  • Dass sinnigerweise dann auch ein Austausch stattfinden müsse, also ein Aufnehmen junger Menschen anderer Länder im eigenen Land für ein solches Jahr und nicht nur das Entsenden der eigenen ambitionierten Schützlinge.
  • Dass die Finanzierung für dieses Projekt dann aus dem falschen Topf erfolgt.

Jein, ja und hm, wohl auch ja.

Mir scheint, der Anspruch, junge Menschen für fremde Kulturen zu sensibilisieren, ihnen theoretisch die Angst vor diesem Fremden zu nehmen und so eine Solidarisierung und ein Verständnis wecken zu wollen, ist sehr hoch gesteckt. Aber auch nötig. Rassismus und Ignoranz, Intoleranz und Gleichgültigkeit können nur durch einen Brückenbau und durch die Erkenntnis von Gemeinsamkeiten angegangen werden.

Ich glaube an Austausch, Dialog und Aufklärung um Zusammenarbeit möglich zu machen.

In diesem Sinne sehe ich Weltwärts als eine Idee der Umsetzung. Verbesserungswürdig, fehleranfällig und diskutabel, keine Frage. Aber ein Schritt und ein Anfang. Den Diskurs, die Kritik und die teils heftige Auseinandersetzung sehe ich daher auch keineswegs als negativ an oder als Zeichen eines Scheiterns dieses ambitionierten Projektes, sondern vielmehr als eine notwendige und wünschenswerte Begleiterscheinung eines jeden menschlichen Unterfangens, ohne die Reflexion, Weiterentwicklung und Verbesserung nicht möglich wär.

Zu warten, bis es die perfekte Idee zur Lösung eines jeden Problemes gibt und dann zu warten, bis die perfekte Umsetzung geplant ist, wäre ein Warten ohne Ende. Ganz wörtlich gesehen. Zumal viele Fehler, Imperfektionen und Unausgereiftheiten erst in der tatsächlichen Umsetzung in der realen Welt augenfällig werden.

Das soll keine Entschuldigung sein für die Unzulänglichkeiten des Projektes Weltwärts aber zumindest ein Plädoyer für ein Zugeständnis an die Menschlichkeit, die sich dahinter verbirgt: fehleranfällig und imperfekt aber mit dem Willen, nicht abzuwarten und Tee zu trinken sondern etwas zu bewegen und – so glaube ich – auch mit dem Willen, konstruktive Kritik anzunehmen und sich beständig zu evaulieren.

 

Mein persönliches Resumee

Wie gesagt, es war komisch jetzt in meinen alten Aufzeichnungen zu stöbern, zu lesen, was ich einst geschrieben habe. In manchen Punkten scheine ich mir selbst so fremd zu sein, als wäre ich in Teilen ein völlig anderer Mensch gewesen, der doch gleichzeitig vertraut ist. Es ist unglaublich ambivalent, einerseits nicht verstehen zu können, wie ein Mensch sich selbst so viel verbauen kann und andererseits genau zu wissen, wie man sich selbst in diese Lage gesteuert hat.

Rückblickend kann ich nicht – wie viele andere Freiwillige vielleicht – sagen, dass dies das beste Jahr meines Lebens gewesen, dass Indien jetzt mein absolutes Lieblingsland und wie eine zweite Heimat sei. Auch in Retrospektive kann ich es nicht romantisieren und nur an die positiven Dinge zurück denken.

Ich bin unglaublich froh, dieses Jahr gemacht haben zu dürfen, dankbar, dass mir ermöglicht wurde, eine solche Erfahrung zu machen und überzeugt, dass es in der persönlichen Entwicklung einen riesigen Schritt bedeuten kann, das Vertraute hinter sich zu lassen und andere Welten zu entdecken. Und an dieser Einstellung hat sich nie etwas geändert und ich ich glaube, das wird es auch nicht.

Für mich ist die Erinnerung an mein Weltwärts-Jahr vor allem eine an persönliches Scheitern. Völlige Überforderung mit mir selbst, unserer zwischenmenschlich katastrophalen WG, und diesem Land, dass sich mir einfach nicht erschließen wollte. Ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr in mich selbst zurückgezogen, das Leben weggeschoben, die Welt draußen so ignoriert, wie in diesem Jahr. Zurück zu denken und die vielen Stunden in der Wohnung in Erinnerung zu haben, die ich mich in Bücher und Online-Welten geflüchtet habe, statt durch die Straßen zu ziehen, Hindi zu lernen und mit den Menschen zu reden, ärgert mich und macht mich traurig. Eine so große Chance so wenig genutzt.

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich mir selbst viel verbaut habe, eben nicht hart zu mir selbst war, wie ich es vom Rest der Welt so gerne forder(t)e und nicht halb so viel über Land und Leute gelernt habe, wie ich es hätte können und sollen. Ganz dem Klischee des Abenteuer-Selbstfindungstrips entsprechend habe ich wohl mehr persönlich daraus gelernt als alles andere.

Während des Jahres und kurz danach hätte ich es abgestritten, hätte ich im Brustton der Überzeugung gesagt, dass ich nur wenig aus diesem Jahr hätte mitnehmen können und dass ich – wenn überhaupt – eher eine negative denn eine positive Wandlung vollzogen hätte. Ich hätte jedem, der es sich agenhört hätte, gesagt, dass ich vorher erwartet hatte mich zu verändern und weiterzuentwickeln und dass diese Erwartung enttäuscht worden sei.

Jetzt, mit mehr und mehr Zeit im Rücken, sehe ich das anders.

„Hast du daraus gelernt?“
Das werde ich oft gefragt. Eigentlich ist das die falsche Frage. Richtiger wäre inzwischen wohl: „Was hast du daraus gelernt?“

  • Dass ich einen Denkzettel in Sachen Demut mal dringend nötig hatte.
  • Dass es arrogant ist zu glauben, man ginge für ein Jahr in eine indische Stadt und könne dann diese Stadt und dann auch gleich das ganze Land verstehen.
  • Dass ich nicht (mehr) ganz so toleranz und geduldig bin, wie ich von mir dachte und dass es tatsächlich Menschen gibt, die ich wirklich einfach nicht ausstehen kann.
  • Dass ich vielleicht auch meine eigene Unzufriedenheit auf eben diese Menschen projeziert habe und sie in anderem Kontext erträglich fände, wenn wir wohl auch keine dicken Freunde werden würden.
  • Dass es in Ordnung ist, nicht mit jedem Menschen klar zu kommen (klingt komisch, war aber eine sehr neue Erkenntnis für mich, ich war immer überzeugt, man müsse an jedem Menschen etwas finden können, dass einen diesen Menschen mögen lässt), aber nicht in Ordnung ist, ihn auflaufen zu lassen und die Situation so zu verschlimmern.
  • Dass Resignation und Stagnation zwar sehr erfolgreiche Mittel zum Durchstehen einer Situation sind, aber keine sehr guten.
  • Dass man sich aus seiner Comfort Zone herauszwingen muss, wenn man Veränderung, vor allem positive Veränderung will.
  • Dass ich meinem Bauchgefühl vertrauen sollte, wenn es mir sagt, dass ich mit jemandem nicht sonderlich dicke sein werde, statt zu glauben, dass ich mich wohl irre, wenn alle anderen die Situation anders einschätzen.
  • Dass es sehr sehr schwer ist, in Indien an richtiges Brot zu kommen, also an das, was wir darunter verstehen.
  • Dass es tatsächlich eine richtige Art gibt, eine Anananas sinnvoll (und mit Würde statt Sifferei^^) zu schälen und das mein Ananas-Verkäufer das ziemlich drauf hatte.
  • Dass Ananas auf Hindi auch Ananas heißt.
  • Dass es Laute gibt, die mein Mund schlichtweg nicht produzieren kann, z. B. diese verquere Mischung aus „r“ und „d“, die aus dem Wort „tora“ nicht eine religiöse Schrift sondern das Hindi-Wort für „klein“ oder „ein bisschen“ macht.
  • Und bestimmt noch einige Dinge mehr, an die ich jetzt nicht denke.

„Würdest du nochmal hinwollen?“
Dünnes Eis. Ganz dünnes Eis. Manchmal denke ich an all die Orte, die ich noch nicht gesehen habe. Damit meine ich nicht nur Städte sondern Landstriche und Staaten (Indien hat so etwas ähliches wie wir Bundesländer, Mumbai zum Beispiel liegt im Staat Maharashtra). Kerala, Ceylon, Ladakh und viele weitere würden mich reizen. Und dann denke ich wieder daran, wie anstrengend ich es fand; heiß, staubig, angestarrt, unverständlich, fremd, auch mitunter befremdlich und manchmal auch beängstigend, selbst fremd sein, erdrückende Menschenmassen, Einsamkeit in der Menge, …
Dann will ich lieber nicht nochmal hin, lieber auch nicht unbedingt dran denken. Lieber in eines der vielen anderen Länder gehen, die auch so anders sind, die ich noch nicht gesehen habe und die für mich nicht „persönlich vorbelastet“ sind.

Und dennoch, ich kann mich der Vermutung nicht verwehren, dass ich irgendwann wieder dort sein werde. Wo genau, dass weiß ich nicht. Aber so wie ich mich kenne, werde ich zurückkehren. Weil ich es nicht auf mir sitzen lassen kann, weil ich es mir selbst beweisen muss, weil ich sehen muss, dass es auch anders sein kann, weil ich selbst dann anders an die Sache herangehen werde und weil auf eine verwirrende, verkorkste und vermutlich völlig unnachvollziehbare Weise trotz allem eine Verbindung zwischen mir und diesem Land und den Menschen besteht. Bestimmt nicht für sie, vielleicht nichtmal für diejenigen, die ich in diesem Jahr kennen gelernt habe, aber für mich.

„War es das wert?“
Was ist „das“? Das Geld? Die Zeit? Die Nerven? Keine Ahnung. Was die politische und finanzielle Seite angeht, werden das andere entscheiden müssen, die mehr von den Zusammenhängen und der Welt begriffen haben als ich.

Was micht angeht, sicherlich. Man kann nicht wirklich sagen, wie sich meine Weltsicht entwickelt hätte, wenn ich nicht nach Indien gegangen wäre. Fest steht, dass der Mensch, der ich heute bin, der sich Gedanken über seine kleinen Problemchen und die Welt macht, dies immer wieder in Perspektive gerückt bekommt, wenn ich zurück denke. Und zeigt sich das auch in Aktionen? Zweierlei Antworten fallen mir darauf ein:

  1. Eine Gegenfrage: Was für Aktionen/Taten sollen das sein? Was kann man tun, dass nicht selbst schon wieder von einer westlichen Überheblichkeit zeugt?
  2. Ein Ausweichen: Das wird die Zukunft zeigen.

 

Hat diese Reihe einen Mehrwert dargestellt? Augen geöffnet oder zu Kritik inspiriert? Hat sie geschafft, was sie sollte; dich mit auf diese Reise zu nehmen und die Komplexität und Ambivalenz aufzuzeigen, die das Thema bietet und mit der man sich selbst konfrontiert sieht? Das musst du beantworten. Und ich freue mich wenn, du es tust. Sicherlich habe ich viele Aspekte noch gar nicht bedacht und ganz vielleicht habe ich ein paar Punkte ganz gut getroffen, es liegt bei dir das zu bewerten und mir widerzuspiegeln. 🙂

Sprachen zum Verständnis

 

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