Tätlicher Angriff auf meine wohlbehütete Welt

Urlaub, endlich Urlaub. In der Sonne liegen, Schnorcheln, durch die Stadt schländern, lange Abende zusammen sitzen und über das Leben lachen, Sonnenbrand kriegen und Bötchen fahren…

Nach einem kurzen, angenehmen Flug wurden wir, meine urlaubsreifen Mitreisenden und ich, von meiner bisherigen Mitbewohnerin (dem spanischen Energiebündel) abgeholt und zu einem Aussichtspunkt gefahren, von dem aus wir über die ganze Stadt blicken und das gleißend helle Licht der Sonne genießen konnten.

Mit langsam grummelnden Magen gehen wir den Abstieg an, in Gedanken schon bei den Möglichkeiten, die das Mittagessen bieten wird. Hin und wieder begegnen uns Jogger, Gassigeher und andere Touristen. Es ist warm, heiß fast, aber wir sind noch nicht so lange da, als dass uns das stören würde.

Aber etwas trinken wäre jetzt allen recht. Zielstrebig laufe ich mit schon ausgestreckter Hand auf den Kofferraum zu. Am Flughafen hatte ich meine Wasserflasche noch aufgefüllt und inzwischen allen fröhlich angeboten, sie könnten auch was haben, wenn wir am Auto sind.

„NEIN! Sie haben es aufgebrochen! NEIN, NEIN! Oh nein!“, höre ich meine Lieblingsspanierin schreien und verstehe es doch nicht. Noch immer in freudiger Erwartung meinen Durst stillen zu können, öffne ich den Kofferraum und finde schnell

nichts.

Hä?

„Was sollen wir denn jetzt tun? Oh nein? Nein, nein, nein.“ Immer wieder nein. Und viel Verzweiflung. Weinen. Angst. Verzweiflung.

Die kleine Scheibe an der A-Säule ist eingeschlagen. So eine kleine Scheibe und so viel Glassplitter. Der Sitz nach vorne geklappt, fast schon gerissen, im Inneren des Fahrzeugs liegen Kleinigkeiten verstreut. Eine Mini-Sonnencreme, eine Packung Antibiotika, die Brötchentüte unseres Reiseproviants…

Erst jetzt setze ich ihre Aussage und den lehren Kofferraum zusammen:
In unserer Vorsicht, dass wir im Gedränge eines Touristenortes nicht beklaut werden würden, hatten wir alles ordentlich im Auto im Kofferraum verstaut. Da ist es ja schließlich sicherer, als wenn wir es mit uns tragen. Beim Umladen unserer Dinge scheinen wir beobachtet worden zu sein, denn obwohl man biem Hineinblicken nichts mehr von unseren Taschen und Koffern gesehen hat wurde ausgerechnet unser Fahrzeug unter all den anderen, die dort ebenso standen, aufgebrochen.

Handtaschen und Rucksäcke weg, von einem von uns auch der Koffer mit Kleidung. Karten sperren lassen, zu Hause Bescheid geben, jemanden zur Wohnung unserer Gastgeber schicken, damit diese nicht auch noch ausgeräumt wird (im Auto waren der Haustürschlüssel und sämtliche Karten mit Adressangabe), Gedanken sortieren, die Polizei anrufen, was muss man jetzt eigentlich tun?

Neben den offensichtlichen Auswirkungen und dem Verlust an Werten (beides kann man verwinden), sind es die kleinen Dinge, die Emotionen und der immer wiederkehrende Stachel, die einen danach begleiten…

Mit der Kamera sind auch die ungesicherten Bilder vom Umzug, von einem tollen Abend mit guten Freunden und ähnliches weg.

Der Diebstahl des E-Readers zerschlägt rückwirkend die einjährige Vorfreude und die Begeisterung, den innerlichen Jubel, den ich in mir getragen habe, als ich in entspannter Erwartung des Urlaubs während des Fluges zum ersten mal in ihm gelesen habe. Er war erst zwei Tage vor dem Urlaub angekommen. Das Geld von der Versicherung hat einen neuen gekauft, aber der Zauber ist verflogen. Vielleicht sollte Dingen kein Zauber anhaften. Es war eine Verheißung auf hunderte um hunderte Geschichten, die ich in meiner Handtasche trage, die bei mir sind und die ich jederzeit herausholen konnte. Könnte ich jetzt auch, aber jetzt ist es einfach nur noch ein schwarzer Kasten mit Bildschirm, den ich erst mal wieder mit den ganzen Büchern füttern muss. Als Zeichen einer Traumwelt war er mir lieber.

All die kleinen Dinge, die nicht mal unbedingt viel kosten, aber die man für einen komplett vorbereiteten Urlaub dabei hat, all die „für den Fall, dass“, die man nach Verlust nicht gleich kaufen geht, aber wenn „der Fall, dass“ eintrifft umso genervter vermisst: eine einzelne Schmerztablette, ein Döschen Tigerbalsam, das Notizbuch für Reisegedanken, eine Mini-Handcreme und ein Reisedeo, die man auch mit in den Flieger nehmen kann, Taschentücher, wiederverwendbare Trinkflasche für die Ausflugstasche… Nichts Wichtiges, aber jeder Moment, in dem man sie gedankenverloren aus der Tasche ziehen will, erinnert einen an den Schockmoment und das Entsetzen.

Die wirklich langfristige Dimension dieses Vorfalls ist aber nochmals eine andere:
Das Stückchen Unbeschwertheit, das mit der Scheibe zerbrochen ist.
Die Distanz zu Gewalt und Ungesetzmäßigkeit, die sich verringert hat wie meine „Wertsachen“.
Der Glaube in diese Welt und meine Sicherheit in ihr, der, wie die Glassplitter im Fahrtwind, durch das Innere des Autos wirbelt.

Es ist nichts Schlimmes passiert, keinem von uns ist etwas passiert und trotzdem, dieses bisschen Unbeschwertheit, diese Sorglosikeit, sich ohne Zweifel in der Welt verhalten, etwas im Auto lassen ohne Erinnerung an das, was man schon einmal zur Sicherheit im Auto gelassen hatte, das gibt es nicht mehr.

Zumindest der Rest des Urlaubs war trotz allem schön und erholsam, mit viel Gelächter und langen Abenden. Auch das werde ich erinnern, wenn ich zurück denke und möchte drum trotz allem, diese Woche nicht missen.

 

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