Der Tag, als ich rassistisch war

Fail

Die Gefangennahme von Denis Yücel und seine andauernde Gefangenschaft sowie seie späte Freilassung waren oft in allen Medien und wann immer es um die türkisch-deutschen Beziehungen geht, werden Reporter nicht müde, darauf hinzuweisen, dass diese derzeit gespannt sind. Tatsächlich war er nicht der einzige, deutsche Staatsbürger, der in der Türkei festgesetzt wurde. Auf Spiegel Online las ich einen Bericht über 6 weitere Deutsche, die wegen fadenscheiniger Gründe festgehalten werden. Aus dem Kopfschütteln und der Entrüstung über deren Verhalten kam ich gar nicht mehr raus. Was die sich die ganze Zeit erlauben. Brauchen sich doch gar nicht über die Negativstimmung gegeben die Türkei zu wundern. Und die meinen, andere als Nazis bezeichnen zu können? Warum tut denn keiner was? Oder eher, warum kommen die damit durch. Das kann doch alles nicht wahr sein. Aber das denkt man ja oft, wenn man Nachrichten hört oder liest.

Inmitten der völligen Entrüstung und beginnenden Abneigung, sickerten die Namen der Inhaftierten zu mir durch: Yücel, Meşale Tolu, Özel Sögüt.

Mit einem Schlag ebbte die Empörung ab. Achso, dann ist das ja gar nicht wirklich Deutsche. Das sind ja quasi selbst Türken. Eigentlich sind das dann ja innernationale statt internationale Querelen. Ouf, Erleichterung, aber schön, dass sich Deutschland da kümmert, geht ja auch so nicht, dass die einfach eingesperrt werden, wenn das vermutlich nur für Erdogan unbequeme Menschen sind.

Der Gedanke, hier so schön zu Ende formuliert und in ganze Sätze gebracht, war in meinem Kopf noch nicht ganz zum Ende gekommen, da dämmerte mir, nein, eigentlich traf mich der Schlag der Erkenntnis dessen, was ich da grade gedacht hatte. Der eingesetzte Schrecken über meine eigenen Gedanken, war um ein vielfaches größer, als der, den ich so distanziert berührt und anständig entrüstet über den Inhalt der Berichterstattung gefühlt hatte. Jetzt noch, da ich darüber schreibe, viele Monate nach dem eigentlichen Ereignis, sitze ich kopfschüttelnd da und möchte mir selbst richtig schmerzhaft in den Hintern treten. Oder naja, Gewalt macht es nicht besser, aber mir selbst so eine ordentliche Standpauke halten, dass ich nie wieder so einen Bullshit denke.

Was hatte ich gedacht? Ausgehend vom Namen eines Menschen, hatte ich mir angemaßt, zu wissen wer er ist, was er ist, zumindest was er nicht ist, nämlich deutsch. Ich habe diesen Menschen nie gesehen, nie mit ihm gesprochen, weiß nichts über seine Hintergründe aber mit dem Namen ist ja klar, dass er kein Deutscher ist? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich selbst Ayla heiße – ein nicht zuletzt türkischer Name.

Ich möchte immer noch vor Enttäuschung weinen. Alles kann ich anzweifeln, am meisten mich selbst. Aber immer war ich überzeugt, ein absolut offener, von Herkunft, Hautfarbe oder sonstigen Merkmalen nicht voreingenommener Mensch zu sein. Tatsächlich konnte ich mich richtiggehend auf meiner Überheblichkeit ausruhen, darin besser, also so viele andere zu sein. Deutschland ist bunt. Jeder darf seine Religion haben. Was macht es schon, wie jemand heißt. Ich bin so offen und tolerant. Ja. Nein. Ja zu den Aussagen, als meiner Ansicht nach erstrebenswerten Aussagen. Nein zur unumstößlichen Verbindung mit mir selbst.

Stattdessen muss ich der Wahrheit ins Auge sehen, dass ich nicht annähernd so frei von der Diktion der Stereotype bin, wie ich gerne wäre. Ich sage, es sei egal, wie einer heiße. Richtig ist, es sollte egal sein, bisher ist es das offensichtlich nicht. Vermutlich an sich keine neue Erkenntnis, nur für mich ist sie es doch.

So unangenehm dieser Schlag ins Gesicht war, so notwendig war er auch. In jeder Gesellschaft und bei jeder Problematik sind nicht diejenigen die Herausforderung, die vom Falschen/Menschen verachtenden überzeugt sind und dafür auch nach außen stehen. Die kann jeder erkennen. Das wirkliche Problem sind die, die glauben, nicht von den Vorurteilen betroffen zu sein und sie unterschwellig dennoch weitertragen. Kaum jemand würde mir Intoleranz oder Rassismus vorwerfen, das glaube ich wirklich nicht, und doch habe ich jemanden als Nicht-Deutsch tituliert, nur weil sein Name nicht Thomas Müller oder Markus Maier ist.

Sicherlich klingen hier noch ganz andere Fragen an. Was ist überhaupt deutsch? Dass diese Frage noch immer nicht abgefrühstückt ist und dass Herkunft (die sich im Namen zeigen kann, aber nicht muss) dafür eine Rolle spielt, zeigen die politischen Debatten und Schlagworte der Zeit. Dafür muss man nicht einmal die AfD bemühen, das schaffen auch unsere sogenannten Volksparteien. Wobei auch der Begriff des Volkes mal diskutiert werden könnte, aber lassen wir das. An dieser Stelle geht es mir nicht um abstrakte Zusammenhänge, theoretische Reflexionen oder die wissenschaftliche Aufarbeitung derselben sondern um eine ganz konkrete, persönliche und erschütternde Erfahrung.

Während ich an dieser Erfahrung sicherlich noch eine Weile zu kauen habe und hoffe, dass sie mir als Lehre noch lange im Gedächtnis bleibt, wünsche ich mir auch, dass sie eine Warnung für dich sein kann. Es ist mir unfassbar peinlich, darüber zu sprechen bzw. zu schreiben, dass ich es lieber sein lassen würde, aber daraus kann und muss man lernen. Mag sein, du bist besser als ich und deine inneren, unausgesprochenen Überzeugungen stimmen mit deinen Worten überein. Aber vielleicht geht es dir auch so wie mir und du musst immer wieder kontrollieren und sicherstellen, dass du dich nicht der Einfachheit der Stereotype und der allgemeinen „Ist-so“-Stimmung hingibst.

So viel zu meinen bisherigen, konfusen Gedanken zum Geschehen. Wie gesagt, hänge ich in und an diesen schon einige Monate, über ein Jahr sogar, aber viel klarer sind sie noch nicht geworden. Die Reflexion der eigenen Untiefen und die Kontextualisierung mit übergeordneten Zusammenhängen ist leider nicht so einfach.

Zum Schluss möchte ich dir heute noch ein Video empfehlen. Wie so oft ein TED-Vortrag, der heute sehr passend ist. Er ist von einer jungen Frau und ihrer Erfahrung im Flugzeug; ihrer Erfahrung als Frau mit Kopftuch immer der Elefant zu sein, den keiner übersehen kann, selbst, wenn es einen Elefanten an Bord gäbe. Sehr eindrucksvoll spricht sie über das Namen geben und das Benennen von Menschen. Absolut sehenswert!

Und wenn dir mein neuerlicher Artikel gefallen hat, freue ich mich, wenn du den kleinen Folgen-Button drückst, damit du auch meine nächsten Erörterungen nicht verpasst. 🙂 Und weil es mir eine Freude macht. 😉

 

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